Lesung


18. September 2013


LESUNG

Die Welt ist so, wie man sie sieht.
Erinnerungen an Marion Dönhoff



Friedrich Dönhoff berichtet und liest



 

Wie Immanuel Kant in einer Ente nach Königsberg zurückkehrte


Friedrich Dönhoff, Schriftsteller aus Hamburg und enger Vertrauter von Marion Gräfin Dönhoff, erinnerte in seiner Lesung am 18. September im Haus der Heimat an seine Großtante. Er führte in ihre Gedankenwelt ein und zeichnete ein farbenfrohes Bild vom bewegten Leben der beeindruckenden Frau.

Sie fühlte sich nicht wirklich schuldig. Aber eine vage Form der Verantwortung dafür, dass die ihrer Familie zur Aufbewahrung anvertraute Kant-Statue in den Wirren des Zweiten Weltkriegs vom eigenen Gut Friedrichstein verschwunden war, empfand Marion Gräfin Dönhoff viele Jahre lang. Deshalb machte sie sich im Sommer 1989 auf eine „Reise ins verschlossene Land“. Die so betitelte Reportage beschreibt eindrücklich, wie sie nach 45 Jahren Königsberg und das Familiengut wiedersah. Die abenteuerliche Fahrt unternahm sie mit ihrer Ente, dem Citroën 2CV. Im Gepäck transportierte sie einen kleineren Bronzeguss der verschollenen Kant-Statue, der auf ihre Initiative hin gefertigt worden war.

Mit dieser Reisebeschreibung begann Friedrich Dönhoff die Lesung im vollbesetzten Großen Saal des Hauses der Heimat. Er lies nachempfinden, wie sich für seine Großtante in Königsberg die „Grenze zwischen Realität und Erinnerung“ verschob. Er machte auch deutlich, wie zeitlos gültig ihre Gedanken sind: Marion Gräfin Dönhoffs Rede zur Verleihung des Erich-Kästner-Preises 1994 mit dem Aufruf „Zivilisiert den Kapitalismus!“ könnte aus den letzten Tagen stammen.

Friedrich Dönhoff war mit seiner 60 Jahre älteren Tante befreundet. „Für sie spielte Alter keine Rolle“, erzählte er. Anekdoten aus dem Zusammenleben mit der Gräfin während seines Zivildienstes brachten den Zuhörern die Eigenarten ihrer Persönlichkeit plastisch vor Augen. Ein von Dönhoff aufgezeichnetes Gespräch über Gesellschaft, Religion, Tod, das er als Abschluss der Veranstaltung las, zeigte, wie nahe er ihr stand.

Die Zeugnisse dieser Freundschaft über Generationen hinweg vermittelten den Gästen im Haus der Heimat das Bild einer Frau, die sich überzeugt im Hier und Jetzt engagierte und nie am Vergangenen verzweifelte. Die Nachfrage aus dem Publikum klärte auch, wie Kant endgültig nach Königsberg zurückkehrte: Der kleine Bronzeguss genügte Gräfin Dönhoff nicht. Sie veranlasste eine Spendensammlung, aus deren Geldern ein Bildhauer eine getreue Nachbildung der verschwundenen Statue schuf. Sie steht noch heute.

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