Szenische Collage


5. Dezember 2013


Szenische Collage

"Leben in dieser Zeit"
Lieder und Chansons von Edmund Nick
nach Texten von Erich Kästner und anderen


Jahresabschlussveranstaltung


Schreien die Mikroben wirklich nicht?


„Ich hasse keinen. Keiner tut mir leid.“ Am Anfang des Abends mit Chansons von Edmund Nick sprach die personifizierte Zeit mit Erich Kästners Worten. Dann begann im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg eine literarisch-musikalische Reise. Sie führte durch die erste Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts – und zugleich von der Geburt bis hinein ins Alter.


Edmund Nick, der Musiker, und Erich Kästner, der Literat, waren ein kongeniales Gespann. Ihre Zusammenarbeit erstreckte sich über vier Jahrzehnte, aus ihr resultieren insgesamt 67 Chansons und Lieder. Sie begann 1929, als Kästner dem Schlesischen Rundfunk das Manuskript für ein Hörspiel vorlegte.

Kurt Schmidt, der Dutzendmensch, wird von Kästner als Hauptfigur in seinem zunächst als „Lyrische Suite“ bezeichneten Werk durch das flirrende Leben der Großstadt gehetzt. Er beobachtet Merkwürdiges, er leidet an den Entfremdungen der seelenlosen Zeit. Er konstatiert als „möblierter Herr“ im damals weit verbreiteten Wohnverhältnis eine sonderbare Moral, er sehnt sich ganz sentimental danach, wenigstens im Stadtpark noch ein Quäntchen Natur zu genießen.

Dem Radiointendanten war 1929 schnell klar: Diese rhythmische Sprache, diese prallen Bilder verlangten eine musikalische Umsetzung. Kurt Weill, Komponist der „Dreigroschenoper“, wurde gefragt und hatte keine Zeit. Edmund Nick vertonte – und der Grundstein für ein Stück Rundfunkgeschichte war gelegt. „Leben in dieser Zeit“ wurde ein grandioser Erfolg.

Iris Marie Kotzian, die Künstlerin des Abends, lag im Stubenwagen und strampelte mit den Beinen, als sie im Auftrittslied begrüßte: „Hier bin ich, wie Sie sehn!“. Die Sopranistin wechselte temperamentvoll ihre Requisiten und führte die Zuhörer im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg mit Charme durch die Zeiten und die Lebensabschnitte. Christoph Weber begleitete am Klavier, Ortfried Kotzian informierte biografisch und historisch und leitete zur jeweils nächsten Station der Zeitreise über.

Edmund Nick verlor 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten seine Arbeit beim Rundfunk. Es waren schwierige Zeiten – gute Zeiten für eine bestimmte Art der Kleinkunst: das Kabarett. Kotzian und Weber interpretierten eine Reihe von Liedern, die Kästner und Nick für „Die Katakombe“ im Berlin der 1940er Jahre, später für „Die Schaubude“ in München schrieben. Sie sind voller Sprachwitz, scharfzüngig, analysieren schonungslos. Sie sind auch voller Trauer und Wut. Die Welt war nicht mehr heil, die Menschen als „Stäubchen am Gewand der Zeit“ ihr hilflos ausgeliefert. „Mikroben pflegen nicht zu schreien“ schreibt Kästner in „Deutsches Ringelspiel“ – aber sie artikulieren sich immer wieder anrührend, herzergreifend, wie dieser Abend zeigte.


Nach Abschluss des Programms servierte das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg ein Buffet mit polnischen und russischen Spezialitäten und bot Pilsner Bier oder Wein aus Rumänien und Ungarn an. Dr. Christine Absmeier, die Leiterin des Hauses der Heimat, bedankte sich bei den Gästen und Partnern für ein erfolgreiches Jahr 2013.

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