Musikalisch-literarische Soirée


6. Februar 2014

Musikalisch-literarische Soirée

"Ich weiß nicht, wer mein ganzes Leben spielt"

Klang-Perlen

Der Abend im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg begann mit einer schlechten Nachricht: Andrea Hancke, Mitglied des vierköpfigen Ensembles WORTON, war erkrankt. Ein Abend über Rainer Maria Rilkes Beziehung zu zwei Frauen, gestaltet von drei Männern – kann das funktionieren?

Es kann! Michael Stülpnagel krempelte die Ärmel seines Hemdes hoch und übernahm sowohl den männlichen als auch den weiblichen Part des Programms. Briefe und Erinnerungen von Lou Andreas-Salome und Claire Goll las er vom Blatt, Rilkes Gedichte und Aufzeichnungen rezitierte er frei. Hochkonzentriert schuf er für das Publikum im Großen Saal diese ganz spezielle Rilke-Stimmung, die die Freunde seiner Lyrik lieben.

Mit 21 Jahren lernte Rilke die welterfahrene, emanzipierte Lou Andreas-Salome kennen und verliebte sich augenblicklich. Für vier Jahre waren sie ein Liebespaar, danach Freunde, sie veränderte sein künstlerisches Schaffen, sie machte aus dem kleinen René den großen Rainer Maria. Wie sich im Laufe der Beziehung der Tonfall zwischen den beiden änderte, illustrierten Andreas Baumann am Flügel und Uriel Stülpnagel am Cello. Das Motiv aus Ravels „Pavane pour une Infante défunte“ war zuerst zarte Annäherung, dann fordernder, dann fragend. Klangfragmente aus Ravels und Debussys impressionistischer Musik wirkten wie Farbtupfer, die den Klang der Worte aus Gedicht und Briefen intensivierten.

Rilke war 43, als er die junge Claire Goll kennen lernte. Die Vorzeichen der Beziehung kehrten sich im Vergleich zu Lou um: Diesmal war er Vaterfigur und Lebensberater. Aus ihren Briefen las Stülpnagel, wie sie ihn umschwärmte, ihn bewunderte. Die Liebesgeschichte endete nach zwei Jahren. „Doch als du gingst, da brach in diese Bühne ein Streifen Wirklichkeit“ – diesmal waren es im Programm dissonante Klangimprovisationen von Klavier und Cello, die Claires Schmerz ausdrückten.

Michael Stülpnagel beendete den Abend mit einem Fazit aus dem Essay „Rilke und die Frauen“: Der Dichter war „Mönch und Verführer“, der „mit den Engeln und den Frauen“ kämpfte. Den Schlusspunkt bildeten die berühmten Verse, die Rilke auf seinen Grabstein setzen ließ.
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern

Jan Jindra, der Fotograf der Ausstellung „Innere Landschaften – Rainer Maria Rilkes Welt“ war an dem Abend anwesend und bedankte sich in einer kurzen Rede bei den Organisatoren. Mit seinen knappen Hinweisen auf seine Arbeitstechnik und seinen ganz persönlichen Zugang zu Rilke machte er neugierig auf seine Werke.

Eine Begleitveranstaltung zur Ausstellung "Innere Landschaften"
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