Lesung


15. Mai 2014

Lesung

Guckelsberger liest Musil


„man kann ja vieles nicht erklären...“ („Die Portugiesin“)

Während seiner Lesung von Robert Musils Novellen „Grigia“ und „Die Portugiesin“ bot Rudolf Guckelsberger seinen Zuhörern im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg kleine Orientierungshilfen an: „Achten Sie doch einmal auf die Gegensätze“. Solche Hinweise sind hilfreich, denn wer sich in Musils Erzählwelten begibt, kann durchaus auch einmal die Orientierung verlieren.

So wie Homo, die vordergründige Hauptfigur aus „Grigia“. Ein grüblerischer Städter, der sich für einen Sommer in „eine Luft aus Schnee und Süden“ flüchtet. Dort fühlt er sich „nicht mehr verstrickt“ in sein bisheriges Familienleben, stürzt sich in eine Affäre mit einer verheirateten Bäuerin und stirbt in einem Bergwerksstollen.

So wie der Herr von Ketten, der, nach 11 Jahren auf fernen Schlachtfeldern, zuhause bei seiner ihm völlig fremden Frau, der „Portugiesin“, seinen Platz im Leben nicht mehr findet. Es sind nicht die Wunden aus Kämpfen, die ihn schwächen, sondern es ist die banale Infektion nach einem winzigen Mückenstich. Es braucht die Prophezeiung einer Wahrsagerin, eine an der Räude sterbende Katze und eine Mutprobe aus früheren Jugendtagen, um ihn zu heilen.

Wieso vegetiert Homo tagelang im Stollen, ohne auch nur ansatzweise einen Fluchtweg zu suchen? Warum erlebt er in dem südlichen Tal das natürliche, pralle Leben – und stirbt daran?

Wieso wartet „Die Portugiesin“ 11 lange Jahre auf einen Ehemann, der sie meidet? Wieso wird eine Katze zur biblischen Erlöserfigur?

Robert Musils Novellen geben keine einfachen Antworten. Sie führen hinein in das Dunkel der menschlichen Psyche. Rudolf Guckelsbergers Hinweise bieten mögliche Anhaltspunkte: Es sind die Gegensätze, an denen die männlichen Hauptfiguren leiden, es sind ihre weiblichen Partner, die ihnen zum Schicksal werden. Norden – Süden, Liebe – Tod, Stadt – Natur, Oben – Unten: die Reihe ließe sich fortsetzen und zeigt, wie vielschichtig Musil erzählt.

Guckelsbergers konzentriertes, akzentuiertes Lesen erleichterte den Zugang zu den Werken und schaffte es, die Zuhörer zu fesseln, auch wenn nicht alles Erzählte einfach so erklärbar ist. Vielleicht hat der ein oder andere im Publikum nach diesen Kostproben sogar den Mut gefasst, sich an Musils Hauptwerk, den „Mann ohne Eigenschaften“, zu wagen.

Kurze Musikstücke von Erich Wolfgang Korngold lockerten die Lesung auf. Die Werke des Brünner Komponisten stehen dieses Jahr im Zentrum einer eigenen Veranstaltung, zu der das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg am 8. Oktober einlädt.



Eine Begleitveranstaltung zur Ausstellung "Villa Tugendhat"
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