Vortrag


27. Mai 2014

Vortrag

Mies van der Rohes Haus Tugendhat.
Strenge, Rythmus, Harmonie

Baukunst


Der Status der Villa Tugendhat als Ikone der Architekturgeschichte ist heute unumstritten. Direkt nach ihrer Entstehung wurde das Bauwerk kontrovers diskutiert, auch massiv kritisiert. Die Architektin und Kunsthistorikerin Christiane Fülscher erläuterte im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg die Gründe.

In ihrem Vortrag, der mit einer Vielzahl von Folien bebildert war, stellte sie zunächst das Gebäude und seine Bauherren vor. „Ich hatte mir immer ein modernes Haus gewünscht“, wurde Grete Tugendhats Entscheidung für Ludwig Mies van der Rohe als Architekten zitiert. Damit war klar: Ihr zukünftiger Wohnsitz wird nichts mit dem Jugendstilbau gemein haben, in dem ihre Eltern residierten.


Keine Ornamente. Keine funktionslosen Details. Mies van der Rohe war der Architekt der „klaren Formen“. Das Halbrund oder die Gerade – in der Villa Tugendhat existieren keine Formen dazwischen. Christiane Fülscher schreibt der Architektur der Villa drei prinzipielle Eigenschaften zu. Strenge: Große, leere Räume ohne Dekoration wirken konzentriert und sachlich. Rhythmus: Die verchromten Punktstützen, die die Konstruktion tragen, bilden ein Raster. Harmonie: Immer wieder ergeben sich im Innern des Hauses Blickmöglichkeiten hinaus in die Parkanlage, wird die Natur in das Gebäude mit einbezogen.

In der Werkbundzeitschrift „Die Form“ wurde 1930 über die „heiligen Hallen“ der Villa Tugendhat geschrieben, in die die Familie Tugendhat hineingezwungen werde. Von „unmoralischem Luxus“ war die Rede, auch vom „Gipfel des modernen Snobismus“. Es wurde die Frage gestellt, ob in einem solchen Gebäude überhaupt gelebt werden könne.

Für Christiane Fülscher ist diese Frage falsch gestellt. Mies van der Rohe habe die Villa Tugendhat für seine Auftraggeber maßgeschneidert. Fritz und Grete Tugendhat gehörten zu vermögenden Brünner Industriellenfamilien, natürlich hatte ihr Wohnsitz auch repräsentative Aufgaben zu leisten. Van der Rohe entwarf und baute das ihren Wünschen und Anforderungen angemessene Haus. Und er tat dies in einer genialen Verbindung aus Strenge und Kreativität – so entsteht „Baukunst“.

Die Fragen aus dem Publikum drehten sich im Anschluss an Christiane Fülschers Vortrag vor allem um zwei Themen: Wie sah das praktische Leben in der Villa Tugendhat aus? Wie wurde geheizt, wie sicher war das Flachdach – hier war die Referentin auf die wenigen erhaltenen Aussagen Grete Tugendhats zu dem Thema angewiesen. Außerdem beschäftigte ein scheinbarer Widerspruch das Publikum: Wie konnte Mies van der Rohe, Hauptplaner der Stuttgarter Weissenhofsiedlung und immer wieder mit Fragen eines bezahlbaren, massentauglichen Wohnraums beschäftigt, ein solches Luxuswerk schaffen? Der Blick auf sein Gesamtwerk zeigt, dass er immer wieder, neben Universitäts-Campus und Hochhäusern, auch exklusive Privathäuser entwarf. Der Abend im Haus der Heimat lies auch Fragen offen – und er zeigte, wie spannend Architekturgeschichte sein kann.



Eine Begleitveranstaltung zur Ausstellung "Villa Tugendhat"
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