Lesung


9. Juli 2014

LESUNG

Antje Vollmer:

STAUFFENBERGS GEFÄHRTEN

Sie haben bis heute nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erfahren: Die Widerstandskämpfer, die im Umfeld von Claus Schenk Graf von Stauffenberg am Attentat des 20. Juli beteiligt waren. Antje Vollmer und Lars-Broder Keil porträtieren in ihrem Buch „Stauffenbergs Gefährten“ diese „unbekannten Verschwörer“ einfühlsam und kenntnisreich.

Antje Vollmer ist promovierte Theologin und war viele Jahre Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen. Von 1994 bis 2005 amtierte sie als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.


Wichtige Schritte der Aufarbeitung


Die Motivation und die Hintergründe der Teilnehmer am gescheiterten Staatsstreich gegen Hitler am 20.7.1944 waren vielfältig und unterschiedlich. Die Folgen für sie und ihre gesamten Familien waren schwerwiegend, oftmals vergleichbar. Antje Vollmer hat für ihr Buch „Stauffenbergs Gefährten“ umfassend recherchiert und intensive Gespräche mit Zeitzeugen und Familienmitgliedern geführt. Im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg hat sie eindringlich davon erzählt.

Es war keine Lesung im engen Wortsinn. Die Autorin, Theologin und Politikerin Vollmer ließ die Gäste teilnehmen an ihrer eigenen, tiefgründigen Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Fragen aus dem Publikum zum Kreisauer Kreis, zu Dietrich Bonhoeffer, zum Widerstand aus der Arbeiterbewegung – auf sie alle konnte Vollmer eingehen und kenntnisreich antworten. Im Mittelpunkt des Abends aber standen ihre Recherchen zum Attentatsversuch vom 20.7.1944.

Ihr Buch „Doppelleben“ über Heinrich von Lehndorff und dessen Widerstand war der Ausgangspunkt. Vollmer erzählte, wie sich daraufhin weitere Familien bei ihr meldeten, deren Angehörige zum Umfeld von Stauffenberg gehörten. Und die eins vereinte: Das Gefühl, dass die Bedeutung der Tat, die ihr Vater, Großvater, ihr Angehöriger gewagt hatte, nicht wirklich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen ist.
Mit ihrem Buch „Stauffenbergs Gefährten“ trägt Antje Vollmer gemeinsam mit dem Journalisten Lars-Broder Keil dazu bei, dies zu ändern. Ihre Porträtsammlung stellt nicht nur die „unbekannten Verschwörer“ vor, sondern bettet ihr Schicksal ein in das ihrer Familien. Vollmer: „Man muss die ganze Biografie kennen, um zu einem Kern zu kommen.“ Zwei dieser Lebenswege zeichnete Vollmer exemplarisch auf der Veranstaltung nach.

Friedrich Karl Klausing war mit 24 Jahren der jüngste Angeklagte, der in den Schauprozessen, die wenige Tage nach dem Attentatsversuch begannen, verurteilt wurde. Am Abend vorher erschoss sich sein Vater, Rektor der Deutschen Universität Prag, Karriere-Jurist und überzeugter SA-Mann. Vollmer las seinen Abschiedsbrief – und gab damit einen prägnant kurzen, entsetzlichen Einblick in die Gedankenwelt, in der der junge Widerstandskämpfer aufwuchs.

Georg Schulze-Büttger gehörte zum Kreis um den strategischen Planer Henning von Tresckow. Als junger Infanterieschüler, naiv und gehorsam, wurde er beim Hitler-Ludendorff-Putsch in München funktionalisiert – ein Erlebnis, das er nach Vollmers Recherchen bald durchschaute und das ihn ihrer Meinung nach tief prägte. Er wurde wegen Mitwisserschaft am Attentat an der Front verhaftet, verurteilt und in Plötzensee erhängt. Seine Frau Jutta verlor nicht nur ihren Mann. Auf der Flucht vor der Roten Armee brachten sich ihre Eltern um, starb ihre Tochter, die 30jährige blieb letztlich mit den zwei Söhnen alleine.

Antje Vollmer berichtete von bewegenden Gesprächen, die sie mit den noch lebenden Hinterbliebenen führen durfte. Menschen, für die die Aufarbeitung der Geschichte ihrer Familie noch lange nicht abgeschlossen ist. „Sie waren oftmals isoliert“, schilderte Vollmer. Es wurde geschwiegen: „Lies nach!“, wurde die Enkelin angemurrt, als sie den Großvater auf seinen Widerstand ansprach. „Waren das nicht alles Verräter?“, von solchen Kommentaren sprach einer der Söhne, den das Schicksal des erschossenen Vaters nicht loslässt.

Erst seit einigen Jahren erleben die Familien die öffentliche Würdigung der Widerstandskämpfer. Für Antje Vollmer ist es noch nicht genug: Momentan fände eine Flut an Gedenktagen statt, der 70. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats habe darin noch immer nicht das ihm zustehende Gewicht. Sie wird weiter daran arbeiten, die Erinnerung lebendig zu halten.


Eine Veranstaltung im Rahmen des Projektes "Mutig! Frauen und Männer im Imkreis des 20. Juli 1944".
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