Gesprächskonzert


8. Oktober 2014



Gesprächskonzert


ERICH WOLFGANG
KORNGOLD


Ein König der Vagabunden




Das Aufblühen des Tonfilms im Hollywood der frühen 1930er Jahre fiel zusammen mit der Emigration zahlreicher europäischer Komponisten, die in den USA eine neue Heimat suchten.
So auch der 1897 in Brünn geborene Erich Wolfgang Korngold.
Mit seinen Opern „Violanta“ und „Die tote Stadt“ hatte er in Wien Aufsehen erregt. Jetzt prägte er den Hollywood-Sound entscheidend und erhielt zwei Oscars.

Als Korngold 1946 nach Europa zurückkehrte, konnte er nicht an seine Vorkriegserfolge anknüpfen und geriet in Vergessenheit. Heute erleben seine Kompositionen eine Renaissance.

Im Auftrag des Hauses der Heimat des Landes Baden-Württemberg haben Iris Marie Kotzian und Christoph Weber ein Gesprächskonzert mit Liedern für Singstimme und Klavier sowie einer Klaviersuite nach Korngolds Hollywood-Musik erarbeitet. Sie wird an diesem Abend uraufgeführt.

Iris Marie Kotzian, Sopranistin, war Preisträgerin u.a. beim Bundeswettbewerb für Gesang Berlin. Sie gastierte an der Oper Chemnitz, dem Théâtre National du Luxembourg und weiteren.
Christoph Weber, Komponist und Pianist, ist Dozent an der Bayerischen Theaterakademie München. Er wirkte an zahlreichen Bühnen, z.B. am Thalia Theater Hamburg.


Pierrot singt

Der melancholische, weiß geschminkte Pierrot der Commedia dell’arte war stumm. Doch die Sopranistin Iris Marie Kotzian verlieh ihm auf ihrem Korngold-Abend eine klangvolle Stimme.


Die Arie des Pierrot aus Korngolds Oper „Die tote Stadt“ eröffnete die Veranstaltung: „Mein Sehnen, mein Wähnen, träumt sich zurück“. Kotzian legte ihr weißes Kostüm den ganzen Abend über nicht ab, variierte es nur leicht, es zog sich als Sinnbild für Korngolds Sehnen wie ein Leitmotiv durch den Abend.

1934 war der Komponist das erste Mal nach Amerika gereist. 1938, sechs Wochen vor Hitlers Einmarsch in Österreich, packte die ganze Familie endgültig die Koffer und verließ Europa. Philipp Moschitz, Theater- und Fernsehschauspieler aus München, las den Besuchern im Haus der Heimat zwischen Kotzians Gesang vor: Erich Wolfgang Korngold hing an der Wiener Künstlerszene. Filmmusik war harter Broterwerb für ihn, die gutbezahlten Operetten-Arrangements ebenso. Sein Herz hing an der Oper – die keiner mehr von ihm wollte. Den Kompositionsauftrag zu „Robin Hood, König der Vagabunden“ wollte er zunächst ablehnen. Ein trauriger Pierrot, der sich nach der Vergangenheit als musikalisches Wunderkind und erfolgreicher Opernkomponist sehnt?

Nicht nur. Korngolds Hollywood-Musik ist energiegeladen, treibend, versprüht die Abenteuerlust der damaligen Mantel- und Degen-Filme. Der Komponist mit seinem ungeheuren Sinn für Rhythmus und szenisches Timing prägte eine ganze Musikergeneration. Wie Korngold unterschiedlichste Emotionen in ausdrucksvolle Klänge übersetzen konnte, hatte Kotzian gemeinsam mit Christoph Weber, ihrem Begleiter am Flügel, schon im ersten Teil des Abends mit dessen frühen Werken gezeigt.

Während seiner Zeit in der Welt der Wiener Salons verpackte Korngold seine Schwärmerei für einzelne Damen in kleine „fröhliche Walzer“. Die kulinarischen Entbehrungen während des Ersten Weltkriegs inspirierten ihn zur Würdigung der „Gansleber im Hause Duschnitz“. Leichtigkeit und Humor auch noch in Amerika, bei seiner Untermalung des Geplänkels zwischen Errol Flynn und Olivia de Havilland. Hier mischte sich Kotzians Pierrot singend direkt in die Szenerie an, wenn im Hintergrund ein Filmausschnitt lief.

Am Ende dominiert dennoch die Trauer des Pierrot. „Glück, das mir verblieb“ – die Arie der Marietta aus „Die tote Stadt“ bildete den Schlusspunkt und nahm die Stimmung Korngolds aus der Zeit nach seinen Hollywood-Erfolgen auf. Seine absolute Musik, für den Zeitgeist zu sehr der Tonalität verhaftet, war nicht mehr gefragt. Er geriet in Vergessenheit.

Erst seit den 1980er-Jahren wächst das Interesse an Erich Wolfgang Korngold und seiner Musik. Der Abend, der im Auftrag des Hauses der Heimat des Landes Baden-Württemberg konzipiert wurde und an anderen Spielstätten noch weitere Aufführungen erleben wird, wird mit Sicherheit dazu beitragen.


Eine Veranstaltung im Rahmen des Projektes "verehrt - verfemt - vergessen".
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