Konzertlesung


6. November 2014



Konzertlesung

Viktor Ullmann in Theresienstadt

„DASS UNSER KULTURWILLE
UNSEREM LEBENSWILLEN ADÄQUAT WAR“


Es ist schwer nachvollziehbar, auch schockierend, was Viktor Ullmann selbst über Theresienstadt schrieb: Diese Hölle auf Erden wirkte für ihn als Komponisten als seine „wahre Meisterstadt“.

Rudolf Guckelsberger las im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg auch aus Ullmanns Essay „Goethe und Ghetto“, dessen „künstlerischem Testament“. Es begründet zumindest theoretisch, wie der Musiker zu dieser erschütternden Einstellung finden konnte. Seine Weltanschauung, sein Verständnis von Kunst waren tief geprägt von der Weimarer Klassik. Er lebte und arbeitete nach ihren Maximen. „Die Form überwindet den Stoff“ – das Kunstwerk übersteigt die Realität, die Umwelt wird vom Musischen bezwungen.



Wie diese Umwelt im Getto aussah, beschrieb Guckelsberger in drastischen Worten. Auf einem Gebiet, in dem ursprünglich 7.000 Einwohner gelebt hatten, vegetierten über 50.000 Menschen, bei katastrophalen sanitären Zuständen, hungernd, Sklavenarbeit für die deutsche Kriegsindustrie leistend. Und zugleich gab es ein reges Kulturleben, wurde etwa Verdis Requiem 15mal aufgeführt. Ullmann organisierte Konzerte, schrieb Kritiken, gab Musikunterricht, und er komponierte weiter.

Zu seinen Arbeiten aus Theresienstadt gehören drei Klaviersonaten, mehrere Liedzyklen und Bühnenwerke. Im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg sang der Bariton Andreas Beinhauer, am Klavier begleitet von Markus Hadulla, aus diesem Repertoire. Er interpretierte zum Beispiel Lieder aus „Der Mensch und sein Tag“, Vertonungen von Gedichten H.G. Adlers, der selbst ebenfalls in Theresienstadt interniert war.

Rudolf Guckelsberger beendete den Abend mit einer dramatischen Darbietung der „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, von Ullmann ebenfalls im Getto „für Sprecher und Orchester oder Klavier“ vertont. Rilkes Auseinandersetzung mit der Sinnlosigkeit des Krieges, mit dem Wahnsinn des soldatischen Heldentods, beschäftigte Ullmann seit Kindertagen.

Viktor Ullmann wird seit den 1990er Jahren wiederentdeckt. Die meisten seiner Werke, die er vor der Deportation nach Theresienstadt komponierte, sind heute verschollen. Die meisten seiner Arbeiten aus dem Konzentrationslager blieben merkwürdigerweise erhalten. Eine Ironie der Geschichte?

   

Eine Begleitveranstaltung zur Ausstellung "Die Pathetiker" im Rahmen des Projektes "verehrt - verfemt - vergessen".
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