Vortrag


13. November 2014, 18 Uhr, Innenministerium, Konferenzsaal

Glaube und Migration vom 16. bis ins 19. Jahrhundert:
Der deutsche Südwesten, Ostmitteleuropa und die Neue Welt

Öffentlicher Abendvortrag von Prof. Dr. Mark Häberlein

Prof. Dr. Mark Häberleins Vortrag war die Auftaktveranstaltung zu einer Tagung, zu der das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg internationale Wissenschaftler eingeladen hatte.

Nach der Begrüßung durch Dr. Christine Absmeier, Leiterin des Hauses, und einem Grußwort des Schirmherren der Tagung, Innenminister Reinhold Gall (links), stellte Häberlein zunächst im kurzen Überblick die Forschungslage zum Thema dar.

Die ursprünglich eng kirchen- und konfessionsgebundene Orientierung sei mittlerweile durch eine wesentlich breitere Palette an Konzepten ersetzt. Zentral für Häberlein ist dabei der Ansatz von Benjamin Kaplan. Dieser analysiere eine faktische religiöse Pluralität innerhalb den Territorien der Staaten – die eigentlich die einheitliche konfessionelle Ausrichtung anstrebten. Tatsächlich arrangierten sie sich, ließen „öffentliche“ und „private“ religiöse Räume nebeneinander zu, die Grenzen dazwischen seien durchlässig.

Nach diesem Abriss betrachtete Häberlein konkrete Fallbeispiele. Er ging auf die Migration adliger und akademischer Eliten ein, wies auf die Lebenswege von Michael Tiffernus, Matthias Garbitius, Primus Truber und Catherin le Doux hin. Bei Kaspar von Schwenckfeld betonte Häberlein, dass es diesem nie um die Gründung einer eigenen Kirche gegangen sei, sondern um die spirituelle Gemeinschaft in häuslichen Erbauungsversammlungen.

Die Mennoniten dienten Häberlein zur Veranschaulichung der Tatsache, dass die Zielrichtung der Migrationen nicht auf den europäischen Raum beschränkt blieb. Mit der Auswanderung nach Pennsylvania erreichte sie eine neue, transatlantische Dimension.

Häberlein ging außerdem auf die Täufer und ihr Prinzip der Gütergemeinschaft, umgesetzt auf den Hutterischen Höfen vor allem in Mähren, ein.
Er erläuterte die Bedeutung der endzeitlichen Weltinterpretation der Pietisten für ihre Wanderbewegungen
in den Kaukasus und in die USA. Und er zitierte Johann Michael Hahn, der seine Zeitgenossen vor einer voreiligen Auswanderung warnte. Der Materialismus, gerade in Amerika, könne eine Gefahr für den Glauben darstellen. 1819 eröffnete sich die Alternative: Mit der Gründung Korntals fanden die Pietisten einen Zufluchtsort, der sie vom Zwang der Auswanderung befreite.

Als Fazit formulierte Häberlein drei Thesen, die für ihn von zentraler Bedeutung beim Blick auf Migrationsbewegungen sind: Migration sei nicht linear, sondern finde innerhalb komplexerer Vorgänge, die beispielsweise auch Rückwanderungen enthalten, statt. Die Bewegungen zwischen Südwestdeutschland und dem östlichen Europa seien nicht isoliert zu betrachten, sondern gesamteuropäisch oder gar transatlantisch. Schließlich seien die Motive der Auswanderer sehr häufig sowohl religiös als auch säkular – beide Aspekte müssen bei der Betrachtung berücksichtigt werden.

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Tagung, die das Haus der Heimat gemeinsam mit der Universität Tübingen und dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde organisierte, werden  mit einer Publikation der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Projektes "Schwärmer - Ketzer - Exilanten".
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