Vortrag


19. November 2014

Vortrag

Der Kunstraub der Nationalsozialisten
am Beispiel der Breslauer Kunstsammlungen Littmann und Silberberg


Provenienzforschung – Kunstkrimi und mühsame Recherchearbeit

Alle größeren Kunstmuseen in Deutschland präsentieren heute Werke, die ursprünglich aus den Breslauer Sammlungen Littmann und Silberberg stammen. Dr. Anja Heuß, renommierte Provenienzforscherin, zeichnete beispielhaft den Weg einiger Gemälde nach.

Sowohl Ismar Littmann als auch Max Silberberg waren jüdischer Abstammung. Zur Zeit des Nationalsozialismus waren sie und ihre Erben gezwungen, ihre Sammlungen in mehreren großen Auktionen in den 1930er-Jahren zu veräußern. Damit startete die Odyssee, die die Gemälde letztendlich in öffentliche Museen führte.

Silberbergs Schwerpunkt lag auf dem schon damals arrivierten französischen Expressionismus – hier griffen die Museen sofort zu. Littmanns deutsche Expressionisten galten als „entartet“, sie gelangten erst nach 1945 in die Museumswelt. Ihr Weg führte über den Kunstmarkt.

Heuss betonte: Es waren nicht Gestapo oder Finanzbehörden, die im Nationalsozialismus die meisten Kunstwerke beschlagnahmten. Hier spielte der Kunstmarkt eine große Rolle, der den Kunstbesitz der verfolgten, häufig vor der Emigration stehenden jüdischen Sammler verwertete. Ismar Littmann, hochverschuldet und ohne berufliche Zukunft, beging 1933 einen Selbstmordversuch, an dessen Folgen er 1934 starb. Seine Witwe war gezwungen, Teile seiner Sammlung zur Bestreitung des Lebensunterhalts zu verkaufen.

Laut Inventarlisten besaß Ismar Littmann über 6.000 Kunstwerke. Werke von Janthur, Meidner und Steinhardt, die Künstler der aktuellen Ausstellung des Hauses der Heimat, gehören auch dazu. Ein Werk ist heute Teil der Ständigen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart: „Stilleben mit Gitarre“ von Alexander Kanoldt. Anja Heuß verfolgte seinen Weg zurück – ein historischer Krimi, der die Provenienzforschung ab 2005 für einige Zeit beschäftigte. Bekannt war ursprünglich nur, dass der Verein der Freunde der Staatsgalerie das Werk 1935 erwarb, es war nicht dokumentiert, von wem.

Die Recherchen von Anja Heuß ergaben, dass der Künstler selbst sein Gemälde vom Kunsthändler Max Perl zurückkaufte und es dann selbst an den Verein veräußerte. Nachdem das Holocaust Claims Processing Office 2005 Ansprüche angemeldet hatte, gab die Staatsgalerie das „Stilleben mit Gitarre“ an Littmanns Erben zurück. 2013 konnte es wiedererworben werden.

Erst in den 1990er-Jahren, als die Inventarbücher wiederentdeckt wurden, erfuhren die Erben Ismar Littmanns, wie groß die Sammlung ihres Vaters gewesen war. An den Rückforderungen, den rechtlichen Auseinandersetzungen im Umfeld, zerbrach die Familie fast. Heuß wies darauf hin, dass die Provenienzforschung trotz solcher Konsequenzen für die Betroffenen auf den engen Kontakt zu den Erben unabdingbar angewiesen sei – nur über diese Wege ließen sich die notwendigen Informationen sammeln.

Als zweites Beispiel ging Anja Heuß auf die Sammlung von Max Silberberg ein. Hier führten die Wege der Sammlung unter anderem über den Privatbesitz der NS-Elite, die Berliner Nationalgalerie und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zum Inventar der Staatsgalerie Stuttgart gehören heute ein Bracque und ein Feuerbach aus Silberbergs Sammlung. Mit den Erben konnte nach umfangreichen Recherchen von Heuß ein Vergleich gefunden werden.

„Eines ist nicht mehr möglich – das Thema Raubkunst in den Museen zu ignorieren“. Mit diesem Fazit schloss Anja Heuß ihren Vortrag ab. In der anschließenden, intensiven Diskussion interessierte sich das sehr gut informierte Publikum für viele Details dieses komplexen Themas.

Dr. Anja Heuß,
Provenienzforscherin der Staatsgalerie
und des Landesmuseums Württemberg
 
In Kooperation mit:
Regionale Arbeitsgruppe Baden-Württemberg
im Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V."

Eine Begleitveranstaltung zur Ausstellung "Die Pathetiker" im Rahmen des Projektes "verehrt - verfemt - vergessen".
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