Vortrag


12. Februar 2015

Vortrag


„Ludwig Meidner.
Der heißeste Krater einer vulkanischen Epoche“


mit Erik Riedel, Kurator Ludwig-Meidner-Archiv
Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main



Abbildung: © Ludwig Meidner-Archiv, Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main, akg

Der Maler, Zeichner und Dichter Ludwig Meidner (1884 –1966) ist vor allem wegen seiner „Apokalyptischen Landschaften“ bekannt. Diese gemalten Katastrophenszenarien und Weltuntergangsvisionen, die bereits ab 1912 entstanden, wurden (nicht nur von Meidner selbst) als Vorahnungen des Ersten Weltkriegs interpretiert. Als expressionistischer Zeichner und Grafiker porträtierte er zahlreiche Intellektuelle und Dichter der Berliner Kulturszene und schuf Illustrationen für Bücher sowie Zeitschriften.

Nach dem Ersten Weltkrieg wandte er sich der jüdischen Religion zu und proklamierte seinen „Gang in die Stille“, so der Titel seines 1929 erschienen Bandes mit autobiografischer Kurzprosa. Die Nationalsozialisten diffamierten seine Werke als „entartet“, er selbst emigrierte nach England. Nach der Rückkehr aus dem Exil war Meidner beinahe vergessen und es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis sein Werk wieder angemessen gewürdigt wurde.

Der Vortrag stellt Leben und Werk dieses faszinierenden Künstlers vor, den der Kunstkritiker Willi Wolfradt treffend als den „heißesten Krater der vulkanischen Epoche“ des Expressionismus charakterisierte.


„Wir waren Rüpel“

Enthusiastisch, überbordend emotional, ungestüm und bedingungslos – die Pathetiker Ludwig Meidner und Richard Janthur waren wild und kompromisslos engagiert.



Erik Riedel, Kurator am Jüdischen Museum Frankfurt/Main, stellte in seinem Vortrag im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg Leben, Denken und Schaffen von Ludwig Meidner vor.

Der Schlesier, der sich selbst aus einer „Kartoffel- und Zuckerrübengegend“ stammend verortet, studierte in Breslau, arbeitete in Berlin als Modezeichner, lernte in Paris Persönlichkeiten wie Amadeo Modigliani kennen, und hatte 1912 mit seiner Gruppenausstellung „Die Pathetiker“ in Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“ seinen Durchbruch, zumindest innerhalb der Kunstszene.

Die Kunstkritik schätzte Meidners „furiose Energie“, seine „unwiderstehliche Gewalt“, seine „latente Explosivität“ – die Nationalsozialisten sortierten die Werke des jüdischen Expressionisten als „entartet“ aus und erteilten ihm Malverbot. Im englischen Exil wurde Meidner nie heimisch, seine Arbeiten aus der Zeit lassen häufig einen unbeteiligten Beobachter erkennen. 1954 kehrte er nach Deutschland zurück und durchlebte eine hochproduktive Spätphase.

Anhang einzelner Werke erklärte Riedel Meidners stilistische Entwicklung, von spätimpressionistischen Einflüssen hin zum Expressionismus, später weiter zum Realismus. Der Vergleich der Arbeiten von Ludwig und seiner Ehefrau Else belegte die Eigenständigkeit der beiden Künstler.

Erik Riedel bedauerte es: Immer noch ist Ludwig Meidner in der Rezeption eine Randfigur der Kunstgeschichte. Das gilt in viel größerem Maße auch für Richard Janthur. Über ihn ist der Forschung sehr wenig bekannt. Sein Enkel Peer Anger war ein weiterer Gast des Abends. Er stellte das Schaffen seines Großvaters anhand illustrierter Bücher vor. Es war die Blütezeit der Buchdruck-Kunst. „Die Gazelle“, ein orientalisches Märchen, wurde dank Janthurs Zeichnungen zur bibliophilen Liebhaberausgabe. In „Das graphische Jahr“, ein Sammelwerk über die Künstlerszene des Jahres 1921, beschrieb Janthur sich selbst und seinen Freundeskreis in klaren Worten: „Wir waren Rüpel.“ – unbändig und wild. Peer Angers Präsentation ergänzte die Ausstellung im Haus der Heimat um die wenig bekannten Arbeiten seines Großvaters. Sie warten auf ihre Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit.


Eine Veranstaltung im Rahmen des Projektes "verehrt - verfemt - vergessen".
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