Vortrag und Lesung


26. Februar 2015

Vortrag und Lesung

MAX HERRMANN-NEISSE
oder die Geschichte einer Ausbürgerung aus Deutschland und der deutschen Literatur

mit Prof. Dr. Sibylle Schönborn und Andreas Broede,
Max-Herrmann-Neiße-Institut an der Universität Düsseldorf




Abbildung: © Ludwig Meidner-Archiv, Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main, akg

Max Herrmann-Neiße (1886 –1941) wird schon früh durch seine Körperbehinderung zu einem existenziellen Außenseiter. Als Autor macht er diese Position zum literarischen Programm: Er bezieht in seinen Werken Stellung gegen Mehrheitsmeinungen, ist Kritiker des späten Kaiserreichs, überzeugter Pazifist im Ersten Weltkrieg und erbitterter Gegner des Nazi-Regimes.

Seine glücklichste und produktivste Zeit erlebt er in den 1920er-Jahren als Protagonist der verschiedenen Künstlerszenen im liberalen Klima Berlins. Er tritt mit seinen Gedichten in den Clubs der Expressionisten und Dadaisten auf, ist regelmäßiger Besucher der Kabaretts und wird zum begehrten Modell seiner Künstlerfreunde. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 verlässt Max Herrmann-Neiße mit seiner Frau Leni Deutschland. 1941 stirbt er künstlerisch isoliert und finanziell abhängig in London. Das Londoner Exil besiegelt Herrmann-Neißes Ausschluss aus der deutschen Literaturgeschichte. Er wirkt bis heute weiter.

Seine lyrische Selbstbeschreibung „Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen“ hat so in einem weit umfassenderen Sinn Gültigkeit behalten, als es der Autor zu seinen Lebzeiten auch nur ahnen konnte.


„Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen“

Er war seiner Heimat so eng verbunden, dass er den Namen seiner schlesischen Geburtsstadt Neiße zum eigenen Namenszusatz machte. 1938 bürgerten ihn die Nationalsozialisten als „undeutsch“ aus.

Max Hermann-Neiße war die letzten acht Jahre seines Lebens ein Heimatloser. Im Londoner Exil, in das er schon 1933 über die Schweiz flüchtete, lebte er isoliert, beraubt seiner „ewigen Heimat“: der deutschen Sprache. Die einzige größere Publikation aus dieser Zeit trägt den Titel „Um uns die Fremde“.



Sibylle Schönborn stellte den Schriftsteller im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg als „radikalen Humanisten“ vor, aus dessen „radikaler Einsamkeit“ eine äußerst „ertragreiche Schwermut“ resultierte. Chronologisch verfolgte die Professorin der Universität Düsseldorf seinen Lebensweg. Er führte den Schriftsteller aus der schlesischen Provinz zum Studium nach Breslau und München, dann ins kulturelle Zentrum der expressionistisch-dadaistischen Welt nach Berlin und schließlich über Zürich nach London.

Als äußerst beeindruckend erwies sich an dem Abend die Vielfalt von Hermann-Neißes Schaffen. Andreas Broede las Auszüge aus Werken, die die ganze Bandbreite des Sprachkünstlers vorführten. Seine expressionistischen Gedichte schwelgen in lautmalerischen Alliterationen; seine Liebesbriefe an seine Frau Leni klingen zart und zurückhaltend; die Erzählung „Die Klinkerts“ betrachtet neu-sachlich die Verarmung einer Familie, die „geduldig draußen am Zaun“ verharrt, während drinnen in der Villa die Bonzen feiern; die Erzählung „Der Todeskandidat“ liefert einen Prototyp des Subjekts der Moderne der anonymen Instanz Psychatrie aus – nicht nur die Szenerie erinnert an Franz Kafka; schließlich provoziert der Lyriker mit an die Grenze der Pornografie gehenden Versen.

Max Herrmann-Neiße wurde schon früh durch seine Körperbehinderung zum Außenseiter. In Berlin avancierte er zwar zum meistgemalten Schriftsteller und bildete gemeinsam mit Leni das schillernde Zentrum diverser Künstlerszenen. Aber seine gesellschaftlich-politischen Ansichten, nach Schönborn seine „unbedingte Wahrheitsliebe“, machte ihn immer wieder zum Einzelgänger. So trat er inmitten der Euphorie zu Beginn des ersten Weltkriegs als vehementer Pazifist auf und äußerte sich früh als Gegner des Nationalsozialismus. Seine eigene bittere Analyse: die „Einsamkeit“ sei die ihm „vom Schicksal vergönnte Lebensform“.

Seit den 1980er Jahren wird das zwischenzeitlich vergessene Werk des Schriftstellers schrittweise wiederentdeckt. Fazit des Abends: unbedingt lohnenswert!

Eine Veranstaltung im Rahmen des Projektes "verehrt - verfemt - vergessen".
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