Lesung


2. Juli 2015


E.T.A. Hoffmann


Das Fräulein von Scuderi


Paris, im Jahr 1680: Reiche Edelleute, die bei Cardillac, dem berühmtesten Goldschmied der Stadt, kostbare Schmuckstücke haben anfertigen lassen, werden regelmäßig nachts, auf dem Weg zu ihrer Geliebten, ihres Schmucks beraubt und ermordet. Wer ist der Mörder? Die Fahnder des Königs stehen vor einem Rätsel...

Hoffmanns virtuos konzipierte Novelle ist ein überaus spannend erzählter Krimi − der erste der deutschen Literaturgeschichte; zugleich ist sie ein faszinierendes Psychogramm des verruchtesten und zugleich unglücklichsten aller Menschen: Der Mörder nämlich, von dem dies gesagt wird, tötet nicht aus freiem Willen, sondern unter dem Zwang einer höheren Macht, die ihn absolut, schon vor seiner Geburt beherrscht.
Und nicht nur er, fast alle Figuren der Geschichte wirken in ihrem Dasein wie ausgeliefert an ein gnadenloses Schicksal.

Gottlob, möchte man sagen, gibt es in dieser dunklen Welt des Grauens auch einige Lichtgestalten, vor allem Madeleine de Scuderi, die mit ihrer Fähigkeit, dem Augenschein zu misstrauen (!), das Rätsel der mysteriösen Morde letztlich löst.

E.T.A. Hoffmanns (1776-1822) Erzählung ist also eine grandiose Mischung aus Krimi, Seelenkunde und Existenzphilosophie. Und sie ist obendrein eine phantasievoll angereicherte historische Miniatur, denn das „Fräulein von Scuderi“ hat es ja wirklich gegeben: die bedeutendste französische Schriftstellerin des 17. Jahrhunderts.


 
Rudolf Guckelsberger, geboren 1959,
studierte Katholische Theologie in Bonn und Würzburg,
dann Sprechkunst und Sprecherziehung an der Musikhochschule
Stuttgart.

Als Rezitator erarbeitet er seit 1990 literarische Programme für
diverse Kultureinrichtungen und ist Sprecher und Moderator
beim Südwestrundfunk.


Die Tugend und der König

Donnernde Schläge, nachts an die Haustür, zu einer Zeit, in der eine fürchterliche Mordserie Paris in Atem hält - und der einzige Mann im Hause ist unterwegs. E.T.A. Hoffmanns Novelle beginnt äußerst bedrohlich für das Fräulein von Scuderi. Doch es ist kein Räuber, der sie da bestürmt, sondern ein Hilfesuchender. Er zieht die würdige Dame mitten hinein in die spektakulären Mordfälle.

Das Fräulein von Scuderi wird letztendlich den Kriminalfall aufklären. Aber sie ist keine Miss Marple, die mit Menschenkenntnis und Gewitzheit Indizien zusammensetzt. Sie ist auch kein weiblicher Hercule Poirot, der mit Brillanz und Intelligenz Fälle analysiert. Das Fräulein von Scuderi ist schlicht: die Tugendhafte.

Wie ein merkwürdiger Ablasshandel wirkt die Idee des Juweliers René Cardillac, sich an das ehrwürdige Fräulein zu wenden, um die eigenen, verruchten Taten zu sühnen. Er selbst ist der Mörder, er selbst empfindet seine Taten als Fluch und leidet unter ihnen, er selbst sorgt schließlich für seine Bestrafung. Er schreibt an das Fräulein und setzt die Kette an Vorkommnissen in Gang, die zu seinem eigenen Tod führen.

René Cardillac ist ein leidenschaftlicher Handwerker, der sich so sehr mit seinen Schmuckstücken identifiziert, dass er sich nicht von ihnen trennen kann, auch nicht nach dem Verkauf. Er beginnt mit dem Diebstahl der Juwelen, er steigert sich zum Ermorden der Käufer. Das erfährt das Fräulein von Scuderi durch Geständnisse, die sie von Olivier Brusson, Cardillacs Gesellen, und dem Grafen von Miossens, Cardillacs Mörder, erhält. Die sie erhält dank ihrer tugendhaften Haltung und ihres bedingungslosen Einsatzes für die Wahrheit.

Doch allein die Tugend reicht nicht aus, um die Mühlen der Justiz zu besiegen. Der unschuldige Olivier soll für den Mord an Cardillac bestraft werden, und nur der König kann ihn retten. Die Scuderi überzeugt ihn, wie und warum auch immer. Der Deus ex Machina löst das Problem, und die Novelle endet für alle Überlebenden gut.

Ein temperamentvoller, versierter Sprecher wie Rudolf Guckelsberger schafft es, diese für heutige Leser ungewöhnliche Art an Krimi lebendig werden zu lassen.

So gelang an diesem heißen Abend im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg die weite Sommerlesereise ins Paris des 17. Jahrhunderts.
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