Lesung


23. Juli 2015


Im Pelzrand der Dämmerung -


Bruno Schulz


Bruno Schulz wird oft mit Franz Kafka verglichen − und das zu Recht: Der 1892 in Drohobycz/Galizien, heute Ukraine, geborene Schriftsteller und Grafiker jüdischer Abstammung verwischt ähnlich wie Kafka die Grenze zwischen Realität und Fantasie. Robert Atzlinger führt die Zuhörer mitten hinein in das mysteriöse Erzähl-Universum des Literaten. Er liest unter anderem dessen Erzählungen „Die Vögel“ und „Die Mannequins“.

Mit seinem „wollüstigen Schaffen“ kreiert Schulz hinreißende Atmosphären, überbordend phantastisch, voll unerschöpflicher Metaphern. Er entwirft pralle Gemälde in explodierenden Farben, die das Leben in Drohobycz rund um einen wiederkehrenden Personenkreis abbilden − letztlich dreht sich alles um seine eigene Familie.

Bruno Schulz verbrachte den Großteil seines Lebens in seiner Heimatstadt. Dort betrieb sein Vater einen Tuchhandel. Er selbst arbeitete als Lehrer für Werken und Zeichnen. Erst 1933 erschien sein erster Erzählband: „Die Zimtläden“ machten ihn sogleich berühmt. 1941 wurde Bruno Schulz dazu gezwungen, ins Drohobyczer Getto überzusiedeln. Dort wurde er unter bis heute ungeklärten Umständen auf offener Straße von einem Mitglied der Gestapo erschossen. Ein Teil seines Werkes ging verloren oder wurde vernichtet.


 
20120717_atzlinger.jpg
Robert Atzlinger hat in Österreich Schauspiel studiert,
lebt seit 1994 in Deutschland und seit 1997 in Stuttgart.

Zunächst hatte er ein Engagement am Theater tri-bühne,
seit 2001 ist er als freier Schauspieler, Regisseur und Dozent tätig.

Sein Großvater wurde in Zarzsyn, Galizien, geboren.


Bruno Schulzens Drachenbrut

Vater, Mutter, Adela – es sind immer die gleichen Figuren, um die sich die Geschichten des Bruno Schulz drehen. Dennoch ist sein Erzählkosmos alles andere als eng beschränkt.

Der Vater lässt exotische Vogeleier importieren und beginnt auf dem Dachboden die irrsinnige Aufzucht von Pfauen, Fasanen und Kondoren. „Im Dickicht der vielarmigen Hängelampen“ flattert schließlich das fremdartige Vogelvieh, besetzt das Haus, okkupiert die Welt der Familie – bis Adela, die patent-pragmatische und höchst erotische Haushälterin einschreitet und das Experiment des Vaters beendet. Denn sie ist die heimliche Herrscherin, ihr kann sich auch das Familienoberhaupt nur unterordnen. Seine Flucht in die Poesie, als die der Ich-Erzähler die Eierbrüterei interpretiert, ist gescheitert, es bleibt die triste Realität des Textilhandels.


In die phantastischen Welten des Bruno Schulz als Leser einzutauchen, ist nicht leicht. Die Metaphorik sprengt alle Dimensionen, jeder Satz wartet mit neuen, faszinierenden Bildern auf, die vom eigentlichen Lesefluss wegführen. Viel einfacher war es am Donnerstagabend, dem Schauspieler Robert Atzlinger zuzuhören.

Atzlingers Lesung machte deutlich, wo Bruno Schulz in die Nähe von Franz Kafka kommt: Die Erzählung „Die Vögel“ ist auch eine Spielart von Kafkas „Verwandlung“. Samsa wird zum Käfer, der Vater zum Vogel. Er vermittelte aber auch die Unterschiede: Das Irreale in den Erzählungen von Schulz wird häufig komisch, er erlaubt das befreiende Weglachen, das bei Kafka so schmerzhaft ausbleibt. Der Kampf um den Himbeersaft zwischen dem Vater in Ritterrüstung und Adela ist skurril. Atzlinger erläutert zu Beginn seiner Lesung: Schulz, ursprünglich Grafiker und Zeichner, geht es um eine „Befreiung der Worte“. Seine Wiederentdeckung ihrer Bildhaftigkeit ist abenteuerlich.

„Die Vögel“, „Die Mannequins“, „Mein Vater geht unter die Feuerwehrmänner“ und „Pan“ – Robert Atzlinger las an dem Abend vier Erzählungen. Leider existieren nur rund dreißig von ihnen. Der Rest des Werkes von Bruno Schulz ging verloren. Er selbst wurde 1942 im Getto erschossen.



Logo

Powered by CMSimple | Template by CMSimple |