Lesung


17. September 2015


Lesung mit Film- und Tondokumenten


Vera Lourié –
Briefe an Dich


vorgestellt von Doris Liebermann

Vera Lourié (1901-1998) war achtzig Jahre alt, als sie sich noch einmal leidenschaftlich verliebte: in eine jüngere Frau. An sie adressierte die Dichterin die Aufzeichnung ihrer Lebenserinnerungen.

„Briefe an Dich“ ist ein einmaliges Zeitzeugnis. Vera Lourié wuchs in St. Petersburg auf, dann floh ihre Familie in Folge der Oktoberrevolution nach Berlin. Hier fand Lourié ihr „Rußland an der Spree“, hier wurde sie Teil der schillernden russischen Bohème.

Vera Lourié überlebte das Regime des Nationalsozialismus trotz ihrer Kontakte zum Widerstand, trotz einer Inhaftierung durch die Gestapo. Sie überstand die Besetzung durch die sowjetische Armee, die dem russischen Bürgertum feindlich entgegen trat, sie erlitt die Nöte der Nachkriegszeit. Sie erlebte Berlin als geteilte Stadt. Ihre Memoiren umfassen eine beachtliche Zeitspannne.

Doris Liebermann hat die „Erinnerungen an das russische Berlin“ herausgegeben. Die Slawistin hat Vera Lourié mehrfach interviewt. Sie liest aus den Memoiren und stellt die Dichterin anhand von Filmszenen und Tonaufzeichnungen vor.


Aus dem „Tagebuch einer Seele“

Als solches bezeichnete Vera Lourié ihre Aufzeichnungen. Sie selbst hatte nie damit gerechnet, dass die in Briefform verfassten Erinnerungen jemals publiziert werden würden. Dies erzählte Doris Liebermann zu Beginn ihrer Lesung im Haus der Heimat.

Die als Journalistin tätige Slawistin führte mehrere Interviews mit Vera Lourié und ist die Herausgeberin der Memoiren. Aus ihnen las sie im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg und stellte damit eine Zeitzeugin des „russischen Berlin“ der 1920er-Jahre vor.

Als junge Dichterin verließ Vera Lourié gemeinsam mit ihrer großbürgerlichen Familie 1921 die neue Sowjetrepublik. Sie war eine von rund 300.000 Exilrussen, die in der pulsierenden Großstadt Berlin eine neue Heimat suchten. Allerdings hieß der „kalte Asphalt“ der Metropole die Neuankömmlinge nicht willkommen. Sehnsucht zieht sich durch Louriés Lyrik dieser Jahre.

In Berlin existierten zu jener Zeit 86 russische Verlage. Es gab Straßenzüge, die fest in russischer Hand waren. Lourié wurde Teil der Künstler- und Intellektuellenszene der Sowjet-Emigranten. Sie hatte Kontakt zu den ganz großen Namen ihrer Heimat – nicht von allen wurde sie selbst als Künstlerin ernst genommen.

Ab Mitte der 1920er-Jahre zog ein Großteil der Exilrussen weiter, gen Amerika, Frankreich oder zurück in die Sowjetunion. Lourié blieb. Sie überstand die Inhaftierung durch die Gestapo. Sie sorgte durch ihre Lebensmittelpakete auch dafür, dass ihre jüdische Mutter das KZ Theresienstadt überlebte.

Vera Louriés Memoiren sind ein hochinteressantes Zeitzeugnis. Seit Ende 2014 ist es dank Doris Liebermanns Herausgabe im Verlag Schöffling öffentlich zugänglich.


Eine Veranstaltung im Rahmen des Projektes "FrauenLeben".
Logo

Powered by CMSimple | Template by CMSimple |