Lesung


28. Oktober 2015

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Musikalische Lesung


Bahnwärter Thiel
Die ganze Novelle



Sein Bahnwärterhäuschen liegt fernab von allem, mitten im märkischen Kiefernforst. Dorthin führt die berufliche Pflicht ihn seit Jahren Tag für Tag, dort lebt der brave Bahnwärter Thiel in seiner winzigen, privaten Parallel-Welt. Dort trauert er um seine verstorbene erste Ehefrau. Sie ist die Mutter des kleinen Tobias, den er über alles liebt.

Als Thiel miterlebt, wie seine zweite Frau Lene Tobias quält, braut sich eine Katastrophe zusammen.

Gerhart Hauptmanns Novelle ist ein Meisterwerk. Michael Stülpnagel liest den Text ungekürzt. Die Zuhörer erwartet im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg ein Lese-Marathon, an dessen Ende sie nachvollziehen können, warum die Veröffentlichung der Erzählung ein großer Erfolg war, warum ihr Rang bis heute unumstritten ist. Johannes Weigle untermalt die Lesung musikalisch und atmosphärisch-akustisch mit verschiedenen Instrumenten.


Michael Stülpnagel studierte an der
Musikhochschule Stuttgart Sprecherziehung.
Er konzipiert literarische Programme,
die er mit unterschiedlichen Partnern
in ganz Deutschland aufführt.
Johannes Weigle ist Musiker und bildender
Künstler. Auf Schloss Hochberg in Remseck
komponiert er Soundtracks für unterschiedliche
Produktionen und arbeitet als Theatermusiker.

Als Duo Phantasma inszenieren Stülpnagel und Weigle Literatur als „Kino im Kopf“.

hauptmann-klänge

Nach Verstummen der letzten Klaviertöne herrschte im Publikum beklommene Stille. Die Wucht der Atmosphäre, die das Duo Phantasma erzeugt hatte, wirkte nach.

„Es geht nicht darum, die Worte eins-zu-eins in Töne umzusetzen“, erklärte Johannes Weigle nach der Veranstaltung seine Strategie beim Komponieren eines Soundtracks, „und es gibt auch Passagen, da muss der Text einfach alleine stehen“, ergänzte Michael Stülpnagel. Beide zeigten bei ihrer musikalischen Lesung, wie ein literarischer Text zu großem „Kino im Kopf“ werden kann.

Luftig-schwebend perlten die Klaviertöne zu Beginn, wenn in Gerhart Hauptmanns Novelle „Bahnwärter Thiel“ die erste Ehefrau Minna vorgestellt wird – ein zierliches, graziles Persönchen, zu schwach für diese Welt und früh gestorben. Das Motiv tauchte, unheimlich, wieder auf bei Thiels düsterer Minna-Vision im Wald. Lene, die derbe Kuhmagd und zweite Ehefrau, keifend-kreischend im Text, beschrieben schrille Dissonanzen. Thiels kindliches Spiel mit dem geliebten Tobiaschen illustrierten naiv hüpfende Zupfinstrumententöne.

Der „märkische Kiefernforst“ lieferte Hauptmann das Passepartout, in dessen Rahmen er seine fürchterliche Geschichte geschehen ließ. Bei den Passagen, in denen lyrisch diese Szenerie beschrieben wird, gab sich Weigle ganz naturalistisch: Vogelgezwitscher, Waldesrauschen, Zuggeräusche – die akustische Kulisse verstärkte die Seelenmalerei.

Die Novelle „Bahnwärter Thiel“ war Gerhart Hauptmanns literarischer Durchbruch und wird deshalb auch in der Ausstellung hauptmann-bruch-stücke thematisiert. Die musikalische Inszenierung des Duos Phantasma führt ihre immense Sprachgewalt vor. Die Katastrophe, die sich in den brandenburgischen Wäldern abspielt, der Weg vom braven phlegmatischen Pflichterfüller zum Kindsmörder – sie ist im Wortsinn: unerträglich.


Eine Veranstaltung im Rahmen der "Gerhart-Hauptmann-Ausstellungen".
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