Lesung


4. November 2015



Von Blaumilchkanälen,
besten Ehefrauen und
einem Humorcomputer

Eine musikalisch-szenische Lesung
mit Werken von


Ephraim Kishon

 

Er verstand es wie kein anderer, den Alltag des „kleinen Mannes“ in seinen Satiren pointiert aufs Korn zu nehmen. Er schaffte es, ein Millionenpublikum zu fesseln und in über 35 Sprachen übersetzt zu werden. Von sich selbst hat er einmal gesagt: „Es ist ohne weiteres möglich, einen voll funktionsfähigen Humorcomputer zu konstruieren. Er muss nur geräumig genug sein, dass ich darin Platz finde.“ – Das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg lädt zu einer Hommage an den großen Satiriker Ephraim Kishon ein.

„Schalt dein Radio ein“ – so sang die israelische Sängerin Daliah Lavi im Jahr 1972. In einer imaginären Radiosendung wird in der musikalisch-szenischen Lesung Kishons Werk lebendig. Satirisch-böse und knallbunt, kommentiert durch Schlager aus fünf Jahrzehnten, beleuchten die Sprecher Katja Schild und Jerzy May, die Sängerin Iris Marie Kotzian und der Pianist Christoph Weber über ein halbes Jahrhundert europäischer Geschichte und Geschichten ebenso wie die Anfänge des Staates Israel. Diese hatte Ephraim Kishon als Zeitzeuge mit viel Humor und Weitsicht beschrieben.



 Mitwirkende:    
Die Sopranistin Iris Marie Kotzian war am Theater Osnabrück als Königin der Nacht, Norina und Blonde zu hören. Sie gastierte u. a. bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall, den Theatern Ulm und Trier, dem Teatre National du Luxembourg, dem Prinzregententheater München.
 
Christoph Weber arbeitet als Komponist und Pianist in Lied- und Schauspielprogrammen zahlreicher deutschsprachiger Theater und war unter anderem musikalischer Leiter am Thalia Theater Hamburg. Er ist Dozent für Liedgestaltung an der Bayerischen Theaterakademie München.
 
Jerzy May wuchs in einer Künstlerfamilie auf, studierte Theaterwissenschaft und absolvierte eine Sprecherausbildung. Als  Schauspieler, Moderator und Sprecher vor dem Mikrophon ist er insbesondere dem Publikum des Bayerischen Rundfunks bestens bekannt.
 
Katja Schild arbeitet als künstlerische Sprecherin im Bayerischen Rundfunk und für Arte, wirkt bei Hörspiel-, Hörbuchaufnahmen und Hörfilmen für Sehbehinderte mit. Auf der Bühne ist sie als Schauspielerin in Theaterproduktionen zu erleben, als Sängerin in Konzerten und Kammeropern.

Vom Einstein-Jossele-System

Es sind immer nur Fragen der Perspektive und alles ist relativ – diese Alltagsphilosophie verschönert prinzipiell das Dasein und ermöglichte es dem verfolgten Juden Ferenc Hoffmann, zum großen Satiriker Ephraim Kishon zu werden.

Am 4. November ging der fiktive Radiosender HDH-BW-FM erst- und bisher einmalig auf Sendung. Interview-Szenen und Kishon-Texte, gelesen von Katja Schild und Jerzy May, Schlager von Nicole bis Neue Deutsche Welle, gesungen von Iris Marie Kotzian und begleitet von Christoph Weber, wurden zum kurzweiligen „Schlaguli“ gemixt: Ein kunterbunt informativ-unterhaltsames Potpourri aus Schlagern und Literatur rund um Ephraim Kishon.

Im Alter von einundzwanzig Jahren floh Kishon, damals noch Hoffmann, aus dem Arbeitslager Jelšava. 1945 gelang ihm die zweite Flucht, diesmal aus einem sowjetischen Gefangenentransport. Drei Jahre später ging es ihm ein drittes Mal ums Entkommen – diesmal trieb ihn sein „unwiderstehlicher proletarischer Drang“ weg aus dem sozialistischen Ungarn hinüber ins ferne Israel. Ein Großteil seiner Familie war in Auschwitz ermordet worden.

Sicherlich hat das „Einstein-Jossele-System“ dazu beigetragen, dass aus dem Juden mit grauenvoller Biografie ein Schriftsteller werden konnte, dessen Humor die ganze Welt liebt. Erfinden ließ Kishon es seinen „Freund Jossele“ während eines Fußballspiels: Als die isrealische Mannschaft gegen die Bulgaren am Verlieren war, half es den verzweifelten Fans ungemein, im Geiste einfach die Trikots der Spieler zu tauschen – im Handumdrehen ändern sich mit der Perspektive die Chancen, die Hoffnungen.

Mischt sich ein wirklich „Irrer“ in bürokratische Vorgänge ein, zeigt sich deren realsatirischer Wahnsinn (Der Blaumilchkanal). Macht Jossele sich Gedanken über die Möglichkeit eines Friedens in einer Welt der Kriege, entpuppt sich die Verantwortung für die Zukunft postwendend als Belastung (Gefährlicher Friede). Der von Kotzian und Weber konzipierte Abend brachte eine Auswahl von Kishon-Texten zu Gehör, die seine große Stärke zeigten: Witzige, aberwitzige Situationen zu zeichnen, die einen ernsten Hintergrund haben.


Im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen Stuttgart 2015

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