Vortrag


19. November 2015

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Vortrag


Gerhart Hauptmann
und die Politik



War Gerhart Hauptmann wirklich nie ein politischer Mensch?
Welches Verhältnis pflegte der Nobelpreisträger zu den Mächtigen seiner Zeit? Welche Antworten hatte er auf die
soziale Frage im 19. Jahrhundert, auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges? Wie bewertete er die Weimarer Demokratie, wie den Nationalsozialismus, wie Exil und Emigration?


Fragen, denen Peter Sprengel, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin, in seinem Vortrag nachgeht.
Er ist einer der besten Kenner der Literatur der frühen Moderne und hat 2012 mit seiner Biografie über Gerhart Hauptmann ein Standardwerk veröffentlicht.


„Ein Dichter steht auf hoher Küste“ – Gerhart Hauptmann und die Politik

Peter Sprengel ist der renommierteste Gerhart-Hauptmann-Experte der deutschen Literaturwissenschaft. In seinem Vortrag im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg wählte er vier Stationen auf dem Lebensweg des Dichters aus, anhand derer er das unübersichtliche Verhältnis Hauptmanns zu den politischen Systemen analysierte.

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Seinem Vortrag voran stellte er Zeilen Ferdinand Freiligraths, die seiner Ansicht nach auch das Selbstverständnis Hauptmanns charakterisieren:
Der Dichter steht auf einer höhern Warte
Als auf den Zinnen der Partei.

Der Verein Pacific
Jugendlich-idealistisch engagierte sich Gerhart Hauptmann, auch mit dem Geld seiner Frau Marie, in den 1880er Jahren im Verein Pacific. Dessen Ziel war die Gründung einer Siedler-Kolonie in Oregon, die sozialistische Ideen leben, sich mittels Arbeitszertifikaten organisieren und vollständig ohne Finanzen auskommen wollte. Prägend für Hauptmann war nach Sprengels Einschätzung besonders der Prozess, der seinen Vereinsfreunden in Breslau auf Grundlage des Sozialistengesetzes gemacht wurde, und an dem er als Zeuge teilnahm. Die Lehre, die er für sich zog: „Ich bekenne mich nur zu meinen eigenen Ansichten.“

Die Weber
Als Dramatiker sprengte Hauptmann Formen. In „Die Weber“ spielt kein Held, sondern eine Masse die Hauptrolle. Die Darstellung des ausgebeuteten, geschundenen Kollektivs sollte „das Tiefste“ sein, „was jemals auf die Bühne gekommen ist“. Wie Sprengel darlegte, löste sich die Rezeption, die schier endlose Geschichte von Zensur und Skandalisierung, vollständig ab vom Inhalt des Stücks.

Erster Weltkrieg
Die Begeisterung bei Ausbruch der Kämpfe war allgegenwärtig, auch Hauptmann schrieb kriegsbegeisterte Lyrik. Gleichzeitig ahnte er in seinen Tagebüchern den „nahenden Völkermord“. Für Sprengel das eigentlich zentrale Element: Hauptmanns Wunsch nach höchster Anerkennung, nach „Legalisierung der Repräsentanz“ – nach einem offiziellen Lob vom Kaiser.

Nationalsozialismus
Der Fluch Alfred Kerrs, „Ich kenne diesen Feigling nicht“, bedeutete nach Sprengels Wertung einen Bruch im Leben Hauptmanns. Kurz nachdem der frühere Freund das Verdikt publiziert hatte, reichte Hauptmann zu seinem 71. Geburtstag Hitler die Hand, schwärmte von dessen Augen, ließ sich von seiner Ausstrahlung blenden. Sprengel sprach von „partieller Verführbarkeit“. Partiell – denn gleichzeitig zur fehlenden Distanzierung vom Regime beklagte er sich über die Rassepolitik, über Goebbels’ Kunstverständnis.

Die anschließende Diskussion mit dem Publikum zeigte: Das Verhältnis „Gerhart Hauptmann und die Politik“ ist kompliziert und hoch spannend, und kann in einem Vortrag nicht mehr als angerissen werden.


Eine Veranstaltung im Rahmen der "Gerhart-Hauptmann-Ausstellungen".
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