Vortrag


28. Januar 2016

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Vortrag


„Ich trinke mehr für andre
als für mich“

Ein Dichter und sein Alkohol

mit Dr. Bernhard Tempel


Als dem Schriftsteller Josef Haslinger 2011 der Rheingau Literaturpreis verliehen wurde (Preisfonds: 10.000 Euro und 111 Flaschen Rheingauer Riesling), bediente der Schriftsteller pflicht- und erwartungsgemäß das Klischee von der Bedeutung des Alkohols für das kreative literarische Schaffen: „Alle Schriftsteller, die ich kenne, sind – mit wenigen Ausnahmen – gestandene Trinker.“

Nur zeitweilig eine Ausnahme war Gerhart Hauptmann; das Verhältnis des Literaturnobelpreisträgers zum Alkohol war vielschichtig und durchlief seine Wandlungen: Der Sohn eines Gastwirts wurde zum Mitbegründer der deutschen „Fuselpoesie“ (Conrad Alberti) in einem sozialkritischen Sinne, war vorübergehend Alkoholgegner und propagierte selbst Abstinenz, entwickelte sich schließlich zum Gewohnheitstrinker, wurde zum Vorbild für den begeisterten Trinker Pieter Peeperkorn in Thomas Manns „Zauberberg“ und blieb Gegner der Alkoholgegner.

Bernhard Tempel hat Hauptmanns alkoholische Biografie rekonstruiert und in Beziehung zum künstlerischen Selbstverständnis des schlesischen Dichters gestellt.




Dr. Bernhard Tempel
arbeitet als wissenschaftlicher Bibliothekar
bei der Technischen Informationsbibliothek und Universitätsbibliothek Hannover.
„Ein Alkoholnebel liegt über der Weltliteratur“…

Zu Beginn seines Vortrags zitierte Bernhard Tempel Michael Krüger, der als ehemaliger Verleger den Überblick haben sollte. Die Liste der Trinker, die Gottfried Benn 1930 in seinem Essay „Genie und Gesundheit“ zusammenstellte, ist entsprechend, und sie umfasst nicht nur die schreibenden Künstler: Seneca, Rembrandt, Gluck, Schubert, Tasso, Händel, Poe, Verlaine, Grabbe, Jean Paul… er hätte Gerhart Hauptmann hinzufügen können.

Bernhard Tempel hat sich sein Wissen während der Ausarbeitung seiner Dissertation „Alkohol und Eugenik – Ein Versuch über Gerhart Hauptmanns künstlerisches Selbstverständnis“ angeeignet. Der Streifzug durch die Literatur und ihre Wissenschaft, mit der er den Abend im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg eröffnete, zeigte, wie fundiert und methodisch durchdacht er sich dem Thema widmet, alles andere als „Schlüssellochphilologie“ betreibt.

Zunächst die Biografie. Wie hätte Hauptmann als Sohn einer Wirtsfamilie, später als Student unter exzessiv zechenden Kommilitonen in Breslau, den Alkohol umgehen können? Er hatte wohl kaum eine Chance. Erst in Erkner, als er mit Marie die eigene Familie gründete, wertete er die jugendlichen Trinkgelage als „selbstmörderische Misshandlungen“, wurde selbst, wie schon sein Freund Ploetz, zum Abstinenzler. Aber: "Ein Versprechen ist eine Fessel aus Spinngeweben.“ – ab 1891 wurde der Alkohol wieder sein ständiger Begleiter.

Und dann die Poetologie. Tempel stellte dar, wie Hauptmann den Einfluss des Suchtstoffs beschrieb, welche Rolle er selbst ihm für seine künstlerische Produktion zuschrieb: Er steigere das assoziative Vermögen während der kreativen Schaffensphasen, er ermögliche das Einfühlen in die erdachten Figuren, das Eins-Werden mit der Natur: „Zum Gebären: weg von der Erde. Alkohol. Es gehört eine gewisse Ohnmacht dazu.“ Alkohol als kalkuliert eingesetztes Mittel zur Kreativitätssteigerung – so funktioniert eine gängige Legitimationsstrategie, Tempel findet sie etwa auch bei Schopenhauer.

Mit solchen Gedanken und Bezugnahmen wurde Bernhard Tempels Vortrag ein kleiner Beitrag zu einer großen „Ideengeschichte von Genie, Inspiration und Kreativität“, dessen wissenschaftlicher Anspruch die Zuhörer forderte, dessen Inhalt zugleich gut unterhielt.

Eine Veranstaltung im Rahmen der "Gerhart-Hauptmann-Ausstellungen".

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