Lesung & Gespräch


16. März 2016



Petra Reski
im Gespräch mit Ulrike Frenkel

   © Paul Schirnhofer
„Alles was ich über die Mafia weiß, verdanke ich Petra Reski“ hat Donna Leon über die mutige deutsche Journalistin gesagt, die seit 1989 unter anderem für die Die Zeit, Geo und Brigitte aus Italien berichtet. Seit 2014 liefert die Autorin nun selbst Krimis aus dem italienischen Cosa Nostra-Filz. Gerade ist der zweite Fall ihrer toughen Staatsanwältin Serena Vitale, „Die Gesichter der Toten“, erschienen.

Aber Petra Reski schreibt auch immer wieder mit viel Witz und Engagement über Venedig, wo sie seit langem lebt, und über ihre Herkunft. Sie ist im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, die Eltern waren Vertriebene aus Ostpreußen und Schlesien.


ortswechsel / osteuropa / anderswo

Das Land der Geburt verlassen, von der Spielstätte der eigenen Familiengeschichte abgehen, den vertrauten Sprachraum aufgeben – prägen solche Erfahrungen spätere Biografien? Wird das Kappen von Wurzeln zur Motivation zum Schreiben? Kann Literatur ein Ort sein, an dem man sich (wieder) zuhause fühlt?

In einer neuen Lese- und Gesprächsreihe unterhält sich die Stuttgarter Kulturjournalistin Ulrike Frenkel mit Schriftstellerinnen und Publizistinnen mit ganz unterschiedlichem Migrationshintergrund. Sie haben verschiedene Lebensgeschichten, verschiedene Schreibstile – gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, eine Fremde zum Eigenen verarbeitet zu haben.

„Non è la mia terra“

Petra Reskis italienischer Ehemann begreift einfach nicht, warum seine Frau nur zögernd und wenig enthusiastisch eine Reise nach Polen plant. Ein Teil ihrer Familie stamme doch von dort, hier sei doch „la tua terra“ – ihr Heimatland?

„Non è la mia terra!“ war, wie Reski sich am Abend im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg erinnerte, ihre spontane Reaktion auf das Unverständnis ihres Mannes. Aber: Auf den ersten Besuch Polens folgten viele weitere. Freundschaften entstanden, Beziehungen zu bisher völlig unbekannten Familienmitgliedern wurden geknüpft.

Petra Reski wuchs im Ruhrpott auf, und sie fühlte sich dort als Außenseiterin. Wenn ihre Familie, die Großeltern, kollektiv die verlorene Heimat in Ostpreußen und Schlesien beweinten, verstand sie nichts von dieser Trauer. Sie empfand nur, dass sie wohl an einem Ort lebte, an den sie nicht wirklich gehörte. Im Gespräch hakte Ulrike Frenkel nach: Machte sie diese Erfahrung zu der hellwachen Beobachterin, die in ihren Reportagen und Büchern venezianische Zustände schildert und Mafia-Strukturen, auch innerhalb Deutschlands, analysiert?

Als solche lernten die Zuhörer in Interview und Lesung die Journalistin kennen, die seit 1991 in Venedig lebt. Dort ist sie auf Strukturen getroffen, die sie von ihrer Familie kennt. Der stark präsente Katholizismus und die engen Familienbande – die auch ein „Phänomen“ wie die Mafia fördern. Es hat sich zu Reskis ureigenem Thema entwickelt. Ohne jegliche Angst um die eigene Person packt sie heiße Eisen an. Sie wird wegen ihrer Artikel über die Mafia bedroht, und verliert dennoch nicht ihren Humor. Sie erlebt Ablehnung von Kollegen und Redaktionen, und kämpft weiter. Sie ärgert sich über die Ignoranz Deutschlands gegenüber den Mafia-Strukturen im eigenen Land, und wird dennoch nicht zur Zynikerin.

Petra Reski erzählt mit Witz und anekdotenreich von Dingen, die nicht zum Lachen sind. Auf eine Nachfrage aus dem Publikum, ob sich die Situation in Italien nach ihrer Einschätzung in den letzten Jahren verbessere, hat sie eine knappe Antwort: „Nein.“

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