Lesung & Gespräch


14. April 2016



Lena Gorelik
im Gespräch mit Ulrike Frenkel

© Gerald von Foris
„Sie können aber gut deutsch“ – so wurde Lena Gorelik von einer Journalistin gelobt. Zu dem Zeitpunkt waren der 35-Jährigen schon drei fein ironische Romane in der Sprache gelungen, die sie erst als Elfjährige erlernte. 1992 siedelte sie mit ihrer russisch-jüdischen Familie aus Sankt Petersburg nach Ludwigsburg um, wurde früh als Autorin erfolgreich und ist heute eine gefragte Gesprächspartnerin, wenn es um Migration geht.

Ihr neues Buch „Null bis unendlich“ erzählt die (Liebes)-Geschichte zweier Außenseiter. Aber wie schon in „Meine weißen Nächte“ oder zuletzt in „Die Listensammlerin“ geht es Gorelik auch hier unter anderem um das Weggehen, das Fremdsein und die Schwierigkeiten des Ankommens.


ortswechsel / osteuropa / anderswo

Das Land der Geburt verlassen, von der Spielstätte der eigenen Familiengeschichte abgehen, den vertrauten Sprachraum aufgeben – prägen solche Erfahrungen spätere Biografien? Wird das Kappen von Wurzeln zur Motivation zum Schreiben? Kann Literatur ein Ort sein, an dem man sich (wieder) zuhause fühlt?

In einer neuen Lese- und Gesprächsreihe unterhält sich die Stuttgarter Kulturjournalistin Ulrike Frenkel mit Schriftstellerinnen und Publizistinnen mit ganz unterschiedlichem Migrationshintergrund. Sie haben verschiedene Lebensgeschichten, verschiedene Schreibstile – gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, eine Fremde zum Eigenen verarbeitet zu haben.

Mit dem Geigenbogen Klavierspielen

Wer meint, diese Kombination erzeuge Lärm, der lese Lena Gorelik. Denn die Autorin perfektioniert das Spiel mit zwei unterschiedlichen „Systemen“, das Zusammenwerfen zweier „Partituren“, und zeigt, dass dadurch Poesie entsteht.

Lena Gorelik liebt Mathematik - und das Erfinden von Geschichten. Im Gespräch mit Ulrike Frenkel beschreibt die Schriftstellerin die klärende Wirkung, die die Welt der Zahlen auf sie habe: Hier erhält (bis zu einem gewissen Niveau) jede Gleichung ihre Lösung, hier existieren die richtigen Ergebnisse. Die Welt der Geschichten hat eine ganz andere Faszination: Hier kann Gorelik denken bis über die Grenze des „leicht Verträglichen“ hinaus, hin zum Unbequemen, hier kann sie Parallelwelten entwerfen, in denen jenseits von richtig-und-falsch das Anderssein möglich ist.

Mit 11 Jahren kam Lena Gorelik als sogenannter Kontingentflüchtling mit ihrer Familie aus St. Petersburg nach Ludwigsburg. Zum Studium ging sie nach München und blieb. Ihre Muttersprache ist Russisch, ihre Werke verfasst sie auf Deutsch. „Für meine Geschichten die richtige Sprache finden“ – darin sieht sie die zentrale Aufgabe ihrer Arbeit. Wie sehr ihr das gelingt, beweist ihre Lesung aus „Null bis unendlich“, veröffentlicht 2015, und „Meine weißen Nächte“, erschienen 2004. Zunächst das distanzierte, scheinbar kühle Sezieren der diversen Liebesgeschichten von Sanela, dann die witzig-freche, autobiografische Schilderung der Ausreise aus Russland, jedesmal besticht der individuelle Ton, das enorme Sprachgefühl.

„Ich freue mich an Sprache“ – wie achtsam Gorelik mit ihrem wertvollen Material umgeht, bewies sie im Gespräch, belegen alle ihre Bücher. „Die Sprache ist ein Geschenk – und ich habe zwei davon“, eine Gabe, die die Autorin virtuos nutzt, als bogenverwendende Klavierspielerin mittelnd zwischen den Kulturen.

Empfehlung des Hauses: Unbedingt lesen!

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