Lesung & Gespräch


27. April 2016



Jenny Schon
im Gespräch mit Ulrike Frenkel

Vom Riesengebirge ins Rheinland, nach Berlin, China und wieder nach Böhmen: Ihr Lebens- und Schreibweg hat die 1942 im heute tschechischen Trutnov/Trautenau geborene Jenny Schon weit durch die Welt geführt. Seit vielen Jahren schreibt sie Lyrik, Sachbücher und Prosa.

Zu Anfang befasste sich die Alt-68erin ausführlich mit Ostasien. Seit einiger Zeit aber wählt sie vor allem die Traumatisierung der Kriegskinder durch Flucht und Vertreibung und die sich überlagernden Kulturen im östlichen Europa als Themen. Auch in Mundart dichtet sie inzwischen. In ihrem jüngsten, erneut autobiographisch getönten Buch „1967 Wespenzeit“ spürt sie noch einmal den Wurzeln der Revolte nach – ihren persönlich-weiblichen ebenso wie den gesellschaftlichen.


ortswechsel / osteuropa / anderswo

Das Land der Geburt verlassen, von der Spielstätte der eigenen Familiengeschichte abgehen, den vertrauten Sprachraum aufgeben – prägen solche Erfahrungen spätere Biografien? Wird das Kappen von Wurzeln zur Motivation zum Schreiben? Kann Literatur ein Ort sein, an dem man sich (wieder) zuhause fühlt?

In einer neuen Lese- und Gesprächsreihe unterhält sich die Stuttgarter Kulturjournalistin Ulrike Frenkel mit Schriftstellerinnen und Publizistinnen mit ganz unterschiedlichem Migrationshintergrund. Sie haben verschiedene Lebensgeschichten, verschiedene Schreibstile – gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, eine Fremde zum Eigenen verarbeitet zu haben.

Wespenzeiten

Jenny Schon erzählte an einem sehr persönlich gefärbten Abend von ihrem mehr als bewegten Leben.

Ihr literarisches Leben begann, als aus der 14jährigen Helga „Jenny“ wurde. Als Dreijährige mit ihrer Familie aus Trautenau vertrieben, wuchs sie im Rheinland auf. Heute bezeichnet sie das Umfeld, in dem sie groß wurde, als vollständig „illiterat“. Welche Sensation war es da, als der Vater ihr ein Buch schenkte. Es beschäftigte sie so sehr, dass sie in dessen Titel, „Jennifer tanzt“, einen neuen Namen für sich fand: Helga hieß jetzt Jenny.

Jenny engagiert sich in der Evangelischen Kirche und bei den Jungliberalen, sie lernt Steuerberaterin, und geht, weil sie gerufen und gebraucht wird, nach Berlin. Später, in der von ihr gemeinsam mit Freundinnen geführten linken Buchhandlung, entdeckt sie einen anderen Ort, der sie braucht. Jeder spricht, viele schreiben von und über China - und niemand kennt das Land. Es ist für Jenny unerträglich, es ist „eine Ungerechtigkeit“. In einer nicht globalisierten Zeit, in der niemand Beziehungen zu China hat, macht sich Jenny Schon auf die Reise, einen schwarzen Fleck auf der Landkarte kennen zu lernen. Ihr Mut ist grenzenlos.

Noch mehr Mut war in den 1990er Jahren notwendig, Tschechien, die Heimat der Familie, für sich zu entdecken. Wie schwierig dies werden sollte, stellte sich allerdings erst vor Ort heraus. Jenny Schon machte die Erfahrung, welche Schmerzen Traumatisierungen, die über Jahrzehnte fortwirken, auslösen können.

Der Umweg über China nach Tschechien war notwendig, sieht Jenny Schon. Er führte sie durch harte Zeiten, beklemmend geschildert an dem Abend im Haus der Heimat, durch „Wespenzeiten“ mit schmerzhaften Stichen, die Wunden hinterlassen.
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