Sommerlesung


18. Juli 2016


Sommerlesung


Franz Werfel:

„Eine blassblaue Frauenschrift“


mit Michael Stülpnagel, Sprecher,
und Andreas Baumann, Klavier

Wien, im Oktober 1936. Es herrscht "Depression in Österreich". Stürmisches Wetter. Nationalsozialistisches Gedankengut und offene Aggression gegen Juden dringen auch nach Österreich.

Leonidas ist Sektionschef im Ministerium für Kultus und Unterricht. Er stammt aus armen Verhältnissen, hat durch glückliche Umstände Karriere gemacht und eine Tochter aus vermögender Familie geheiratet. Sein Leben scheint perfekt.

Aber an seinem fünfzigsten Geburtstag findet er unter den Briefen der Gratulanten einen mit blassblauer Frauenschrift. Vor 15 Jahren hatte er einen solchen Brief von seiner früheren Geliebten zerrissen – ungelesen. Diesmal öffnet er den Umschlag.

"Leonidas war wie betäubt. Nach einer Ewigkeit von achtzehn Jahren hatte den allseits Gesicherten die Wahrheit doch eingeholt. Es gab keinen Ausweg mehr für ihn und keinen Rückzug. Er konnte sich der Wahrheit, die er in einer Minute der Schwäche eingelassen hatte, nicht mehr entziehen. Nun war die Welt für ihn von Grund auf verwandelt, und er für die Welt."



Michael Stülpnagel, Schauspieler

Michael Stülpnagel studierte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart Sprecherziehung. Seine künstlerische Tätigkeit begann mit der Gründung des Ensembles WORTON. Mit zahlreichen Musik- und Literaturprogrammen ist er seither unterwegs und inzwischen schon regelmäßiger Lese-Gast im Haus der Heimat, auch gemeinsam mit dem Theatermusiker Johannes Weigle mit dem „Literarischen Kopfkino“ des DUO PHANTASMA.


Andreas Baumann, Klavier

Andreas Baumann erhielt seinen ersten Klavierunterricht mit neun Jahren, schon zwei Jahre später folgten die ersten Rundfunk- und Fernsehaufnahmen. 1989 begann er sein Studium an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und wurde 1995 Preisträger beim “Stuttgarter Preis für Klavierpädagogik”. Er ist Mitbegründer des DUO VIVACE und von Anfang an der Mann am Klavier in allen Programmen des Ensembles WORTON.

Farblos feige

Vor 18 Jahren ließ sich der reich verheiratete, dank seiner Frau ins Wiener Großbürgertum aufgestiegene Leonidas auf eine Affäre mit einer Jüdin ein. Er versprach ihr alles, er belog und betrog sie und verschwand schließlich abschieds- und reuelos aus ihrem Leben. In seiner Erinnerung ist sie die Liebe seines Lebens. Jetzt, an seinem 50. Geburtstag, findet er in der Post der Gratulanten einen Brief von ihr. Damit beginnt ein Tag im Leben des Leonidas, der alles, was ihm bisher als erstrebenswert galt, in Frage stellt.

In seinen Gedanken stellt sich Leonidas der Anklage des „Hohen Gerichtshofs“. In seinen Gedanken gesteht er seine Schuld ein, übernimmt er Verantwortung. In der Realität - passiert fast nichts. Ein einziges Mal, ein „nervöser Moment“, aus der Bahn geworfen, vertritt er hilf- und planlos am falschen Platz mit unsinnigem Elan die Interessen der Juden. 1936 ist das in Österreich ein mutiger Auftritt im Ministerium, an seinem Arbeitsplatz – der folgenlos verpufft und folgenlos bleibt. Das war’s.

Leonidas hat seinen Namen vom König von Sparta, einem Nachkommen des Herakles. Aber Leonidas ist kein Held, nicht einmal ein ganz kleiner. Leonidas ist ein Mann’scher „Untertan“, der vielleicht kurz spürt, dass da etwas nicht stimmt, dass da etwas anders laufen sollte, der aber nur kurz aufmuckt und dann katzbuckelt und mitspielt.

Leonidas sieht sich selbst als Götterliebling, als vom Schicksal verwöhnt. Ein einziger Brief genügt, um seine selbstgefälliges Leben in der Kuschel-Ecke in Frage zu stellen, ein einziger Tag reicht aus, um zumindest gedanklich heillose Unordnung zu stiften. Am Ende dieses Tages schläft Leonidas an der Seite seiner Ehefrau in der Oper ein, und es ist offensichtlich: Er wird in den nächsten Jahren nichts gegen den nationalsozialistischen Anschluss Österreichs unternehmen, und er wird das schreckliche Los der Juden mittragen. Blassblau, schicksalsergeben und unfassbar egoistisch. So wie zahllose andere.

Michael Stülpnagel las Franz Werfels Novelle lässig-nonchalant und zugleich hoch konzentriert. Andreas Baumann am Flügel nahm mit seinen Zwischenspielen von Bach bis Satie die Kapitelstruktur der Novelle auf und untermalte einzelne Passagen. Beide zeigten: Die kleine Erzählung von 1941 ist noch heute unbedingt lesenswert.


Logo

Powered by CMSimple | Template by CMSimple |