Ausstellung: Flucht vor der Reformation


27. Oktober 2016 bis 8. Juni 2017, Bibliothek, 4. OG

AUSSTELLUNG

Flucht vor der Reformation


Täufer, Schwenckfelder und Pietisten zwischen dem deutschen Südwesten und dem östlichen Europa

Öffnungszeiten
Mo, Di, Do 9.00 bis 15.30 Uhr
Mi 9.00 bis 18.00 Uhr

Begleitband zur Ausstellung:
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Freiheit?

Im 16. Jahrhundert erschien es als eine bisher undenkbare Freiheit: Jeder Gläubige übernimmt selbst die Verantwortung für sein persönliches Seelenheil. Diese revolutionäre Idee verbreitete sich im Zuge der Reformation. Aber die neue Autonomie stieß schnell an ihre Grenzen. Wenn die Wahl auf Vorstellungen fiel, die nicht mit der anerkannten Lehre konform gingen, dann blieben dem Gläubigen Anpassung, Märtyrertod – oder Emigration.

Flucht!
Vor 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther seine Thesen. In den folgenden Religionsstreitigkeiten spielte der deutsche Südwesten eine zentrale, als solche wenig bekannte Rolle. Die Ausstellung des Hauses der Heimat des Landes Baden-Württemberg (HdH BW) stellt einerseits Glaubensflüchtlinge vor, die hier einen Rückzugsort fanden. Sie berichtet andererseits von Gruppierungen unerwünschter Abweichler, die ihre württembergische Heimat gen Osten verließen.

Caspar Schwenckfeld von Ossig, streitbarer Laientheologe aus Schlesien, floh nach dem endgültigen Bruch mit den Wittenbergern in den deutschen Südwesten.
Seine zahlreichen Exilstationen zeigen, dass er ein Getriebener blieb. Die Ausstellung stellt ihn als Revolutionär vor und visualisiert sein weitreichendes Netzwerk aus Adel und Stadtbürgertum.

Der Täufer Michael Sattler wurde 1527 in Rottenburg am Neckar wegen Ketzerei angeklagt. Ein Hörspiel macht die Besucher zu Zeugen seiner Verurteilung zum Feuertod. Die Ausstellung erzählt, warum seine Glaubensbrüder und -schwestern Württemberg verließen und wie sie in Mähren ihre radikale Gesellschaftsutopie verwirklichten.

Auch noch Jahrhunderte nach Reformationsbeginn widersetzten sich württembergische Pietisten der vermeintlichen Bevormundung durch Staat und Kirche. Die Ausstellung berichtet über die Endzeitstimmung im Südwesten und über die damit zusammenhängende Auswanderung 1816 bis 1817 in den Kaukasus.
Der Verlauf der strapaziösen Reise mit Quarantäneaufenthalten und Todesfällen kann per Touchscreen abgerufen werden.

Die Ausstellung rückt erstmalig religiös bedingte Wanderungsbewegungen zwischen dem deutschen Südwesten und dem östlichen Europa in den Fokus. Sie nimmt Glaubensflüchtlinge als selbstbewusste Gruppierungen wahr, die sich durch Auswanderung staatlichen Repressionen entzogen. Verordnungen, Mandate und schließlich die Kirchenordnung von 1559 sind Beispiele für die Versuche der Herzöge Ulrich und Christoph, das Glaubensleben in Württemberg zu vereinheitlichen.

  in dieser Galerie

 

Höllenangst und Seelenheil – den Besucher führt sein Weg entweder ins Fegefeuer oder ins himmlische Paradies.

 

Nach der Vernissage führte Dr. Christine Absmeier Ministerialdirektor Julian Würtenberger durch die Ausstellung.

 

Schwenckfeld, der Querdenker, baute sich im deutschen Südwesten ein Netzwerk überzeugter Anhänger auf.

 

25 Jahre nach Einführung der Reformation in Württemberg erließ Herzog Christoph seine große Kirchenordnung.

 

Den Weg auf der Donau entlang gen Kaukasus legten die Pietisten in den sogenannten Ulmer Schachteln zurück.

 

Die Nachfrage nach Führungen der Kuratorinnen durch die Ausstellung ist ungebrochen groß.

 

Reformation als Medienereignis – auf Flugblättern und in illustrierten Schriften wurden Reformatoren verspottet.

 

Die Nachfrage nach Führungen der Kuratorinnen durch die Ausstellung ist ungebrochen groß.


Kuratoren- und Themenführungen - ohne Anmeldung -

Montag 31.10.2016, 14.00 Uhr, Kuratorenführung
Montag 28.11.2016, 14.00 Uhr, Kuratorenführung
Donnerstag 08.12.2016, 14.00 Uhr, Kuratorenführung
Montag 09.01.2017, 14.00 Uhr, Themenführung: "Reformation und Fürstenmacht"
Montag 27.02.2017, 14.00 Uhr, Themenführung: "Pietistische Auswanderungsgeschichten: Jacob Noa Epp"
Montag 13.03.2017, 14.00 Uhr, Themenführung: "Radikale Reformer"
Donnerstag 13.04.2017, 14.00 Uhr, Themenführung: "Religiöse Außenseiter"
Mittwoch 31.05.2017, 14.00 Uhr, Themenführung: "Glaube und Gesellschaft im Zeitalter der Reformation"

Der Eintritt zur Ausstellung, zu den Begleitveranstaltungen und zu den Führungen ist frei.










Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Thomas Strobl, Minister für Inneres, Digitalisierung und Migration des Landes Baden-Württemberg.


Begleitveranstaltungen im Rahmen der Ausstellung:

Vortrag Anna von Württemberg - Von Stuttgart nach Schlesien
mit Harald Schukraft
16.11.2016
Literarisch-musikalische
Soirée
Jan Hus und Martin Luther
mit Susanne Schroeder und Daniel Dobiáš
14.12.2016
Lesung Fjodor M. Dostojewski: Der Großinquisitor
mit Rudolf Guckelsberger
18.01.2017
Vortrag Ein Mord in höchsten Kreisen – der Fall Hans von Hutten
mit Dr. Sybille Oßwald-Bargende
01.02.2017
Vortrag Die Außenseiter der Reformation und das Medium Bild
mit Christiane Gruber
23.02.2017
Literarisch-musikalische
Soirée
„Hier atmet alles Einsamkeit, hier ist alles rätselhaft...“
Eine musikalisch-literarische Reise nach Kaukasien
mit Alexander Reichenbach, Klavier und Toni Marie Leisz, Lesung
29.03.2017
Vortrag „Nur des Evangeliums willen verjagte Glaubens Genossen“
Religiöse und ökonomische Motive im Umgang mit Salzburger Emigranten im deutschen Südwesten
mit Dr. Eberhard Fritz
25.04.2017
Vortrag „Der Deutsche Orden und die Reformation“
mit Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Udo Arnold
10.05.2017
Szenische Lesung mit Musik „Frauen in der Reformation“
mit der Akademie für gesprochenes Wort
16.05.2017

Vernissage Flucht vor der Reformation: „Religion matters… wieder“

Astrid von Schlachta, Leiterin der Mennonitischen Forschungsstelle Weierhof, hielt auf der Vernissage zur Ausstellung Flucht vor der Reformation den Einführungsvortrag. Sie zog den weiten Bogen von der Reformation bis zur Gegenwart.

Die Grenzen der Brüderlichkeit unter Gläubigen, die unterschiedlichen Richtungen folgen, waren schnell erreicht. Dabei erkannte die Wissenschaftlerin ein erschreckendes Muster. Wenn verschiedene Glaubensrichtungen sich miteinander auseinandersetzen, wird aus dem sachlichen Diskurs schnell eine aufgeheizte Debatte, wechselt der Ton von Diskussion zu Polemik und Diffamierung, findet nach der Begegnung nicht Integration sondern Ausgrenzung statt. Wer anders glaubt, dem wird dann gerne generell das Christsein abgesprochen. Von Schlachta prangerte den Missbrauch an, der religiöse Ideen als „angstgesteuerte Worthülsen“ einsetzt, inhaltsleer, verwendet von selbsternannten Gläubigen, die selbst „mehr eigenes Bekenntnis“ wagen könnten – eine Forderung der Bundeskanzlerin. Für von Schlachta liegt die Relevanz des Blicks der Ausstellung auf die Reformationszeit auf der Hand: Er ist Lehrstück zum Thema, wieviel Freiheit, gelebt in Form von parallel existierenden, unterschiedlichen Glaubensrichtungen, eine Gesellschaft erträgt.

Die Ausstellung wird bis zum Juni 2017 gezeigt – das Rahmenprogramm mit Vorträgen und literarischen Veranstaltungen vertieft unterschiedliche Aspekte.

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