Buchpräsentation, Lesung und Gespräch


3. November 2016

Buchpräsentation

Literarischer Reiseführer
Oberschlesien

von Marcin Wiatr




Lesung und Gespräch:
Marcin Wiatr und Karoline Gil

In Oberschlesien kann man in Polnisch Müllmen/Mionów geboren und im benachbarten Ort Deutsch Müllmen/Wierzch getauft worden sein. In beiden Dörfern stehen heute deutsch-polnische Ortstafeln. Diese zeugen von der wechselvollen Vergangenheit der Region und den vielgestaltigen kulturellen Einflüssen, die sich hier durchdringen und überlappen. Hier leben Menschen zusammen, die sich als Polen, Deutsche oder Oberschlesier fühlen. Impulse für die regionale Identität gibt die mehrsprachige Literatur.

Hier wurden Joseph von Eichendorff, Max Herrmann-Neiße oder Horst Bienek geboren. Auch Janosch hat seiner Heimat ein belletristisches Denkmal gesetzt, Tadeusz Rózewicz lebte und schrieb hier eine Zeitlang, Jaromír Nohavica besang die Region und Kazimierz Kutz hielt sie in einer Filmtrilogie fest. Im Hinblick auf die Themen Baukunst, Industrie, Grenze, Landschaft und Mystik werden unter anderem die Städte Neiße/Nysa, Gleiwitz/Gliwice, Myslowitz/Mysłowice, Lubowitz/Łubowice und St. Annaberg/Góra św. Anny (kunst)historisch sowie literarisch erkundet.


 
Marcin Wiatr
geboren in Gleiwitz, Germanist und Historiker,
ist ein hervorragender Kenner seiner
oberschlesischen Heimat.
Karoline Gil vom Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart, moderiert die Lesung.


Oberschlesische Therapiestunde und mystische Landschaften

Die Kulturregion Oberschlesien hatte im 20. Jahrhundert kein Glück. Dies konstatierten Karoline Gil vom Institut für Auslandsbeziehungen und ihr Gesprächspartner, der Germanist und Autor des Literarischen Reiseführers Oberschlesien, Dr. Marcin Wiatr. Denn Nationalismus prägte dieses Jahrhundert, und der passte nicht zum multiethnischen Oberschlesien. Regional, sprachlich und kulturell zwischen Deutschland und Polen liegend, eine Grenzregion mit individueller Identität, konnte Oberschlesien nur verlieren, sobald eindeutige Verortung gefragt war. Und noch heute, so Wiatr, schätze der Oberschlesier Schmähreden weder über Deutsche noch über Polen.



Wie nun aber die spezifisch oberschlesische Identität zu beschreiben sei, diese Frage beantworteten die beiden gebürtigen Oberschlesier anhand zahlreicher Beispiele. Oberflächlich sei die Beschreibung der Region als graue und schmutzige Industrieregion. Diesem schlechten Image setzten Gil und Wiatr das Bild der mystischen, multiethnischen Kulturlandschaft entgegen, wobei die reiche deutsch- wie auch polnischsprachige Literatur als Fundgrube verschütteter Schätze diente. Werner Heiduczek, August Scholtis und immer wieder Janosch wurden als Zeugen aufgerufen, der Annaberg, Hindenburg/Zabrze und Pless/Pszczyna zogen als reizvolle Landschaften vorbei, und unterm Strich ergab sich ein klares Bekenntnis zu einem europäischen Oberschlesien.

Denn erst innerhalb des größeren Rahmens Europa sei es dem Oberschlesier möglich, sein deutsches, polnisches, tschechisches und jüdisches Erbe angemessen zu würdigen. Der Versuch einer nationalen Vereinnahmung der Region sei schon immer an den Menschen gescheitert. Und der oberschlesische Mensch habe Europa mit seiner klaren und im besten Sinne einfachen Weltsicht wiederum viel anzubieten. Als Therapiestunde empfahl Wiatr die Beschäftigung mit der oberschlesischen Mentalität, die beruhigend und aufmunternd wirken könne. So beendete Wiatr die gemeinsame Abenteuerreise mit dem Fazit: Oberschlesien braucht kein Requiem, weil es lebt und weil Verschüttetes laufend wiederentdeckt wird.


Eine Veranstaltung im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kulturforum östliches Europa, dem Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart und der Deutsch-polnischen Gesellschaft, Stuttgart.
Das Kulturforum wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
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