Lesung


18. Januar 2017


Fjodor M. Dostojewski:

Der Großinquisitor



Lesung mit Rudolf Guckelsberger

Es ist eine Erzählung, die die Fundamente des christlichen Glaubens berührt: Christus erscheint in Menschengestalt auf dem Domplatz in Sevilla, zu einer Zeit, als Hunderte von Ketzern von der Kirche hingerichtet werden. Der Großinquisitor fürchtet um die eigene Autorität und lässt ihn unverzüglich einkerkern. Denn: Christus habe die leidenden Menschen nicht erlöst, sondern ihr Unglück vervielfacht. Dafür habe er den Scheiterhaufen verdient.

Diese Phantasie ist unter dem Titel „Der Großinquisitor“ das zentrale Kapitel des Romans „Die Brüder Karamasow“. Mit quälend präziser Logik legt Dostojewski hier die Gründe für die Verurteilung Jesu frei: seine „unerträgliche“ Botschaft von der Freiheit der Kinder Gottes.


 
Rudolf Guckelsberger, geboren 1959,
studierte Katholische Theologie in Bonn und Würzburg,
dann Sprechkunst und Sprecherziehung an der Musikhochschule
Stuttgart.

Als Rezitator erarbeitet er seit 1990 literarische Programme für
diverse Kultureinrichtungen und ist Sprecher und Moderator
beim Südwestrundfunk.


Freiheit als Bürde?

Iwan, der intellektuelle Skeptiker, der alles in Frage stellt, verzweifelt an der Welt. Er erzählt Aljoscha, seinem fest im Glauben verwurzelten Bruder, eine Geschichte. Diese „Phantasie“ bezeichnet Dostojewski, der Schöpfer der Brüder Karamasow, als „das beste Stück“, das er je geschrieben habe.

„Der Großinquisitor“ ist das fünfte Kapitel im fünften Buch seines gewaltigen Romans „Die Brüder Karamasow“. Rudolf Guckelsberger, der studierte Theologe, war bei der Lesung im HdH BW in seinem Element. Denn hier geht es um Existentielles und, mit Wucht, an die Fundamente von Religion und Religiosität. Guckelsberger las mit Ruhe und hochkonzentriert – nichts lenkte ab vom philosophischen Disput.

Jesus Christus erscheint im 16. Jahrhundert auf dem Domplatz von Sevilla, zu einem Zeitpunkt, als massenhaft Hinrichtungen von Ketzern stattfinden. „Warum bist du gekommen, uns zu stören“, begrüßt ihn der Großinquisitor, der ihn unverzüglich in den Kerker sperren lässt. Dort sagt er voraus: Das Volk werde „morgen auf einen Wink von mir herbeistürzen, um Kohlen auf Deinen Scheiterhaufen zu schaufeln.“ Nicht, weil es ihn nicht erkannt habe; nicht, weil es ihn für einen Lügner halten würde. Sondern weil es gar nicht anders könne. Und schuld daran sei die von ihm selbst verbreitete Lehre.

Dostojewski/Iwan stellt im großen Monolog des Großinquisitors schmerzhafte, existentielle und hochkomplexe Fragen: Ist der (gläubige) Mensch in der Lage, mit der ungeheuerlichen Freiheit, die ihm die Lehre Jesu Christi eröffnet hat, umzugehen? „Statt nach dem festen alten Gesetz sollte der Mensch hinfort in der Freiheit des Herzens selber entscheiden, was gut und was böse sei“ – eine Aufgabe, der er, da ist der Großinquisitor sicher, nicht gewachsen sei. Einer solchen Verantwortung könne er nicht gerecht werden, Jesus habe ihn irrwitzig überfordert. Die Folgen: bedingungsloser, hilfloser Gehorsam gegenüber kirchlichen Institutionen.

„Unruhe, Verwirrung und Unglück – das ist somit das heutige Los der Menschen nach alledem, was Du für ihre Freiheit erduldet hast“, stellt der Großinquisitor dem absolut stummen Jesus Christus dar.

Es stehen im Zwist: Gläubigkeit und Rationalismus, Aljoscha und Iwan, Religion und Kirche, letztendlich Glück und Freiheit? Dostojewskis/Iwans Geschichte endet mit einem unerhörten Kuss, den Jesus an den Großinquisitor, später Aljoscha an Iwan gibt. Wer ist also der Gewinner? Gibt es einen Gewinner? Eines ist sicher: Dostojewski wird immer aktuell bleiben.


Eine Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung "Flucht vor der Reformation".
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