Vortrag


1. Februar 2017



„Ein Mord in höchsten Kreisen“
der Fall Hans von Hutten




Vortrag von Dr. Sybille Oßwald-Bargende





Abbildung:
Ulrich von Württemberg ermordet Hans von Hutten,
aus: Ulrich von Hutten: Super interfectione…, Mainz 1519
Am 8. Mai 1515 wurde der Stallmeister Hans von Hutten bei einer Jagd im Böblinger Forst auf grausame Weise durch Herzog Ulrich von Württemberg, seinen Dienstherrn, getötet. Der Mord war nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern machte Geschichte: Befeuert durch den publizistischen Kampf des mit dem Mordopfer verwandten Humanisten Ulrich von Hutten trug er maßgeblich zu Herzog Ulrichs zeitweiliger Absetzung sowie zur habsburgischen Herrschaftsübernahme in Württemberg bei. Auf der Suche nach dem Motiv für die Bluttat gerät die verhängnisvolle Zuneigung des Täters zur Frau des Opfers, Ursula von Hutten, in den Blick. Von ihr, die aus der angesehenen Familie von Thumb stammte, führt der Weg zur Geschichte der Schwenckfelder im deutschen Südwesten.


Eine Frage der Ehre

Ein Mord aus Leidenschaft? Ein romantisches Beziehungsdrama? Die Historikerin Dr. Sybille Oßwald-Bargende erteilte den populären Sichtweisen auf den Mord an Hans von Hutten eine dezidierte Absage.

Am 8. Mai 1515 tötete Herzog Ulrich von Württemberg seinen Stallmeister Hans von Hutten im Böblinger Forst. Darüber bestehen keine Zweifel, denn der Adlige gestand seine Tat. Und dass seine Beziehung zu Ursula von Hutten, der Ehefrau des Opfers und seine nahe Jugendfreundin, eine Rolle spielte, ist fraglos richtig. Sind damit aber die Ermittlungen abgeschlossen, das Motiv geklärt und alle Fragen beantwortet? Nein. Für Historiker ist der Blickwinkel, aus dem Tatbestände betrachtet, eingeschätzt und bewertet werden, von entscheidender Bedeutung.

Oßwald-Bargende führte in ihrem Vortrag aus, dass Ulrich die Tat zwar gestand – sie aber nicht als Mord einstufte. Er sah sich selbst als „Freischöffe eines Femegerichts“, er habe mit dem Mord letztlich ein Urteil vollstreckt. Ein Urteil aber über welchen Straftatbestand? Hans von Hutten habe Verrat begangen und Ulrichs Ehre verletzt, alleine dadurch, dass über das Verhältnis Ulrich-Ursula öffentlich getratscht und gespottet wurde. Der Fürst rächte eine Ehrenkränkung.

Aber nicht nur Ulrich hatte eine fundamental andere Sicht auf den Mord als die Familie des Opfers. Auch heutige Interpreten würden häufig nicht die Maßstäbe anlegen, die damals tatsächlich galten, betonte Oßwald-Bargende. „Ehre war eine Währung, an der sich der gesellschaftliche Stellenwert bemaß“, damit Ehrverletzung alles andere als ein Kavaliersdelikt, fasste die Historikerin den adligen Wertekodex im Reformationszeitalter zusammen. Eine Tat wie jene im Böblinger Forst romantisierend als Eifersuchtsdrama zu bewerten, werde den historischen Zusammenhängen nicht gerecht.

„Da habe ich von den Ethnologen gelernt“, erläuterte die Referentin in der regen Diskussion im Anschluss an den Vortrag dem Publikum im HdH BW: Der Blick auf ein entferntes Zeitalter ähnele dem Blick auf eine fremde Ethnie. Er dürfe nicht einfach eigene Kategorien und Wertvorstellungen übertragen und so gleichsetzen, was nicht vergleichbar ist. Dann verstehe man: Hans von Hutten fiel keiner privaten Beziehungstat zum Opfer, sondern den gesellschaftlich-politischen Konventionen der Zeit.


Eine Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung "Flucht vor der Reformation".
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