Lesung & Gespräch


15. Februar 2017



Matthias Nawrat
im Gespräch mit Irene Ferchl

© Sebastian Hänel
»Wie wichtig die Geschichten unseres Opas Jurek sind, hat man spätestens bei seiner Beerdigung gesehen«. Sagt jedenfalls der Enkel, der aus diesem traurigen Anlass aus Deutschland nach Opole gereist ist. Opole hieß vor 1945 Oppeln und ist die Geburtsstadt von Matthias Nawrat, der 2013 für Wir zwei allein den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis bekam und 2014 mit seinem zweiten Buch Unternehmer für einiges Aufsehen sorgte.

Sein umfangreicher Familienroman Die vielen Tode unseres Opas Jurek schildert die große, tragische polnische Geschichte im 20. Jahrhundert anhand von vielen kleinen Episoden, bei denen Opa Jurek im Erzählen die Gräuel des Krieges und der Gewaltherrschaft herunter-, seine eigene Bedeutung dagegen hinaufspielt, so dass es einen fröstelt und schaudert, aber unwillkürlich schmunzeln macht. Denn Matthias Nawrat gelingt es, den grauenhaftesten und allertraurigsten Ereignissen etwas Heiteres abzugewinnen – nicht selten wird man an Jaroslav Hašeks Schwejk erinnert.


ortswechsel / osteuropa / anderswo

Das Land der Geburt verlassen, von der Spielstätte der eigenen Familiengeschichte abgehen, den vertrauten Sprachraum aufgeben – prägen solche Erfahrungen spätere Biografien? Wird das Kappen von Wurzeln zur Motivation zum Schreiben? Kann Literatur ein Ort sein, an dem man sich (wieder) zuhause fühlt?

In der Fortsetzung der Lese- und Gesprächsreihe, die das HdH BW im letzten Jahr begonnen hat, unterhält sich die Stuttgarter Kulturjournalistin Irene Ferchl mit Matthias Nawrat, Marjana Gaponenko und Dana Grigorcea über deren Bücher, ihr Schreiben und die Fragen nach Heimat und Identität – woran lässt sich diese in unseren Zeiten festmachen? Alle drei AutorInnen haben unterschiedliche Lebensgeschichten, unterschiedliche Schreibstile - gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, eine Fremde zum Eigenen verarbeitet zu haben.


© Burkhard Riegels
Irene Ferchl hat Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft studiert und 1993 das Literaturblatt für Baden-Württemberg gegründet, dessen Herausgeberin und Chefredakteurin sie bis heute ist. Ihr Arbeitsgebiet ist die Vermittlung der Literatur vom 19. bis 21. Jahrhundert, ob als Autorin von Reiseführern, Projektleiterin in Stadt, Region und Land, Moderatorin oder Redakteurin zum Beispiel der Publikationen zu den Chamisso-PreisträgerInnen der Robert Bosch Stiftung.

Wussten Sie schon, dass Sie unbedingt eine Husarenrüstung brauchen?

Wenn im polnischen Nachkriegs-Opole Konsumentenwünsche zum Problem werden, dann erfindet Opa Jurek die Reklame – eine gewitzte Lösungsstrategie. Wenn in Auschwitz das Hungern unerträglich wird, dann erfindet Opa Jurek den „Todeshunger“ – eine Überlebensstrategie.

Im HdH BW sprach die Kulturjournalistin Irene Ferchl mit dem Autor Matthias Nawrat über sein neuestes Werk Die vielen Tode unseres Opas Jurek. Der Autor stellte seine Hauptfigur als Meister der „umgekehrten Humoristik“ vor: All seine Geschichten habe der tatsächlich erlebt, und zugleich seien sie ganz anders gewesen, als jetzt wiedergegeben. Was unerträglich war, komme als witzige Anekdote daher. Was vernachlässigt werden könnte, werde zur Großtat.

Nach dem Krieg verwaltet Jurek in den Ruinen seiner Heimatstadt Opole den „Traum vom Paradies“, ist Herrscher über einen Delikatessenmarkt. Als die erste Warenlieferung nicht Ananas sondern Metallrüstungen der Husaren bringt, dauert der Unmut der Kunden einen einzigen Tag. Dann hat Opa Jurek mit Reklametafel und Werbespruch den Bedarf geschaffen, die Prinzipien der Marktwirtschaft eingeführt und alle beglückt. Das ist witzig.

Zwanzig Jahre später eröffnet sein Schwiegersohn im kommunistischen Polen das „Yukon“, einen Laden für Bergsteigerausrüstung, der einer ganzen jungen Generation einen Traum von Freiheit gleich mitverkauft. Der Staat hat dazu Fragen: Wer denn wozu in Polen Bärenfallen oder High-Tech-Schlafsäcke brauche? Die Einladung zum Tee ist ein Verhör, das freundliche Interesse ist Repression. Das ist nicht mehr witzig.

In Auschwitz hat Jurek, je näher er bei der Essensausgabe dem Kochtopf kommt, einfach keinen Hunger mehr. Er erkennt das Prinzip der Umkehrung der Dinge: Alles erscheine wie im normalen Leben, doch tatsächlich sei man die ganze Zeit tot. Das ist grauenhaft.

Matthias Nawrat ist im Alter von 10 Jahren aus Polen nach Deutschland gekommen. Zwanzig Jahre und zwei Werke, die beide im Schwarzwald spielen, hat er gebraucht, um einen Roman zu schreiben, der nach Polen führt. Nawrat erzählt autobiografisch – aber keine Familiengeschichte. Er behandelt die polnische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts – und erzählt sie völlig anders, als sie in Geschichtsbüchern vermittelt wird. Als stilsicherer Virtuose der „umgekehrten Humoristik“ eben.

Im Gespräch mit Irene Ferchl erklärte der Autor im HdH BW, wie er mit seinem Stoff umging, seine Erzählperspektive fand. Denn im Roman erzählt nicht der „Zeitzeuge“ Opa Jurek, sondern die Enkel erinnern sich an dessen Geschichten. „Realität“ wird mehrfach gefiltert, bevor sie aufgezeichnet wird. Und das ist Nawrats eigentliches Thema: Die Unmöglichkeit, als „dritte Generation“ von den Erlebnissen der Vorfahren objektiv und wirklichkeitstreu zu erfahren. Jedes Erzählen/Erinnern ist psychologische Strategie des Verarbeitens, ist Befreiung, ist – Erfindung .



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