Vortrag


23. Februar 2017



Die Außenseiter der Reformation
und das Medium Bild



Vortrag von Christiane Gruber










Abbildung links:
Der Täufer Melchior Hoffmann
(auf einer Abbildung von 1600)
 
In der unmittelbaren Reformationszeit brachten sowohl die Reformatoren um Martin Luther als auch jene, die in Opposition zu ihm standen, ihre theologischen Positionen durch Abbildungen unters Volk. Dabei wirkten sich Zensur und Verfolgung durch die Obrigkeit auf die künstlerische Darstellung aus. Auch die eigene Meinung in der Bilderfrage, beispielsweise das Befürworten des Bildersturms, beeinflusste die Illustrationen. Wie sahen sich die Außenseiter der Reformation selbst, wie wurden sie von ihren Widersachern dargestellt?

Die Theologin und Kirchenhistorikerin Christiane Gruber geht in ihrem Vortrag dieser Frage nach. Sie zeigt und erläutert illustrierte Flugschriften und Flugblätter von Täufern und Spiritualisten (u.a. Melchior Hoffman, Sebastian Franck) und Portraits von Caspar Schwenckfeld von Ossig.



Bilder machen Meinung

Vor 500 Jahren wurden der Buchdruck erfunden und die Kirche reformiert. Die völlig neuen Massenmedien Flugblatt und Druckschrift eröffneten den Reformatoren für sie bisher ungeahnte Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Meinungsbildung.

Die frisch promovierte Kirchenhistorikerin Dr. Christiane Gruber zeigte in ihrem Vortrag im HdH BW anhand einer Vielzahl von Beispielen aus der Druckgrafik, wie religiöse Botschaften je nach Orientierung des Verfassers unterschiedlich visualisiert wurden. Dabei konzentrierte sie sich auf die „Radikalen Reformatoren“. Nach einer Definition aus der Mitte des 20. Jahrhunderts werden darunter all jene Strömungen zusammengefasst, die mehr forderten als Luther – die geltendes Recht anzweifelten, etablierte Institutionen ablehnten, bestehende Gesellschaftsstrukturen hinterfragten. Beispielhaft griff Gruber die Täufer und einige Spiritualisten heraus.

Auf einem Kupferstich von 1565 schaut Caspar Schwenckfeld von Ossig mit leeren Augen ins Nichts. Ein illustriertes Flugblatt, wenige Jahre jünger, lässt ihn freundlich den Betrachter anblicken. Der Unterschied in der Wirkung ist frappant, die Strategie der Publizisten lässt sich folgern: Man ändere die Augenpartie und erzeuge damit für oder gegen den schlesischen Laientheologen, damit auch für oder gegen seine Theologie, Stimmung.

Der Zugang zu den Druckereien war für Spiritualisten wie Melchior Hoffman und Sebastian Franck schwierig, Verfolgung und Zensur schränkten ihre Publikationsmöglichkeiten ein. Das liberale Straßburg war häufig letzte Zuflucht. Dort entstand auch das Titelbild einer Schrift, das nachvollziehbar macht, wie gewagt die Kritik dieser Denker war: Eine Kaiserfigur, mutmaßlich Karl V., huldigt der Hure Babylon, verehrt die personifizierte Gottlosigkeit. Nach dem Erscheinen dieser Illustration wurde Melchior Hoffmans Verhaftung angeordnet. Nachdem der Täufer Ludwig Hälzer in einem Flugblatt die Hand Gottes abbilden ließ, wie sie Kaiser und Papst geißelt, wurde seine Hinrichtung beschlossen.

Christiane Gruber bedauerte, dass viele reformatorische Themen und Figuren nicht in Illustrationen überliefert wurden. Aber wo Bildnisse vorliegen, lohnt sich in jedem Fall der sehr genaue Blick darauf.


Eine Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung "Flucht vor der Reformation".
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