Lesung & Gespräch


16. März 2017



Marjana Gaponenko
im Gespräch mit Irene Ferchl

© Martin Krondorfer
Spätestens seit der Chamisso-Preisverleihung 2013 weiß man, dass die 1981 in Odessa geborene Autorin von Wer ist Martha? nicht nur ungemein komische Romane schreibt, sondern auch einer intensiven Leidenschaft nachgeht: Sie liebt Pferde und Kutschen. An ihrem Wohnort Wien hat sie alle Gelegenheit dazu, diese Liebe auszuleben. Kein Wunder, dass die dortige Gesellschaft und das Reich der Pferdekutschen in Marjana Gaponenkos jüngstem Roman entscheidende Rollen spielen.

Schon nach wenigen Seiten ist man gebannt: Das letzte Rennen erzählt die Geschichte von Vater und Sohn: ein vermögender Maschinenbauingenieur mit prächtigem Gestüt und Kutschensammlung der eine, ein zielloser Taugenichts der andere. Sie brauchen einander zum Ausleben ihres Traumes, beziehungsweise als Geldgeber – das kann natürlich nicht gut ausgehen, sondern muss spektakulär enden. Trotz der Dramatik ist dieser Roman von bissiger Ironie und ein witziges, süffisantes Gesellschaftsporträt.


ortswechsel / osteuropa / anderswo

Das Land der Geburt verlassen, von der Spielstätte der eigenen Familiengeschichte abgehen, den vertrauten Sprachraum aufgeben – prägen solche Erfahrungen spätere Biografien? Wird das Kappen von Wurzeln zur Motivation zum Schreiben? Kann Literatur ein Ort sein, an dem man sich (wieder) zuhause fühlt?

In der Fortsetzung der Lese- und Gesprächsreihe, die das HdH BW im letzten Jahr begonnen hat, unterhält sich die Stuttgarter Kulturjournalistin Irene Ferchl mit Matthias Nawrat, Marjana Gaponenko und Dana Grigorcea über deren Bücher, ihr Schreiben und die Fragen nach Heimat und Identität – woran lässt sich diese in unseren Zeiten festmachen? Alle drei AutorInnen haben unterschiedliche Lebensgeschichten, unterschiedliche Schreibstile - gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, eine Fremde zum Eigenen verarbeitet zu haben.


© Burkhard Riegels
Irene Ferchl hat Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft studiert und 1993 das Literaturblatt für Baden-Württemberg gegründet, dessen Herausgeberin und Chefredakteurin sie bis heute ist. Ihr Arbeitsgebiet ist die Vermittlung der Literatur vom 19. bis 21. Jahrhundert, ob als Autorin von Reiseführern, Projektleiterin in Stadt, Region und Land, Moderatorin oder Redakteurin zum Beispiel der Publikationen zu den Chamisso-PreisträgerInnen der Robert Bosch Stiftung.

Ein „Flirt mit der Bitternis des Lebens“

Marjana Gaponenko ist abgrundtief störrisch und als Erzählerin fürchterlich unbarmherzig. Deshalb lebt die Ukrainerin, wo sonst, in Wien.

Im Gespräch mit Irene Ferchl schwärmte sie im HdH BW von ihrem Lieblingshonig. Der heißt „Die süße Leiche“ und wird von einer Imkerin verkauft, die ihre Bienen auf dem Wiener Zentralfriedhof sammeln lässt. Keine Frage: Diese sympathische Schriftstellerin, die ungemein unterhaltsam aus ihrem Leben erzählen kann, mag das Skurrile, das Schräge, das Verstörende, wie so viele österreichische Literaten.

Als Kind folgte sie der Anweisung, die Hände zu waschen, indem sie sie mit Dreck einrieb. Als junge Frau fand sie einen sehr individuellen Weg, die überall  präsente Geschichte ihres Landes, die ganzen Kriegsgeschichten, für sich aufzuarbeiten: Sie studierte in Odessa „die Sprache des Feindes“ – Deutsch. Nicht sehr erfolgreich, wie sie zugibt, aber seither schreibt sie in dieser Sprache, zunächst Gedichte, mittlerweile äußerst erfolgreich Romane, ganz neu auch Theaterstücke.

In ihrer Literatur wirft sie die Leser in akribisch detailliert dargestellte Welten wie die des Kutschenbaus, der Ornithologie, auch des Patentwesens. Dort versammelt sie ein Personal, das in kein geglättetes Gesellschaftsbild passt, das Fehler in Mengen hat, beschädigt ist – die Autorin hasst die Perfektion.

Zwischen zwei Passagen, die sie aus ihrem Roman Das letzte Rennen las, erklärte Marjana Gaponenko einen für sie wichtigen Begriff: Wehmut. Die habe ihre Generation, aufgewachsen im östlichen Europa, wohl vererbt bekommen, und: Humor gehöre unbedingt zu ihr. So werde dieser eigentümliche „Flirt mit der Bitternis des Lebens“ möglich, als den man den ganz speziellen Ton ihrer Werke vielleicht fassen kann.

Demnächst wird in der Insel-Bücherei eine Nacherzählung Gaponenkos von Volkssagen aus dem deutschen Sprachraum erscheinen. Unter Garantie ungewöhnlich und mit Sicherheit lesenswert.

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