Kabarett


Donnerstag, 22. Juni 2017, 18 Uhr, Großer Saal EG

„…und die Musik spielt dazu!“ - Lieder von Ilse Weber und des Theresienstädter Kabaretts


Fünf Kabarett-Formationen traten in Theresienstadt auf, um sich selbst und dem Publikum wenige Stunden Ablenkung vom Getto-Alltag zu ermöglichen. Das Berliner Ensemble ZWOCKHAUS hat ein Programm aus Texten und Liedern zusammengestellt.

Leo Straus, Manfred Greiffenhagen und Frieda Rosenthal gehören zu den Autoren, deren Werk sie interpretieren. Vertonungen von Martin Roman, Otto Skutecki, Adolf Strauss und Parodien auf Melodien von Emmerich Kálmán oder Fred Raymond bilden den musikalischen Part. Einen Schwerpunkt bildet das Schaffen von Ilse Weber. Die Autorin und Komponistin wurde mit ihrem Sohn in Auschwitz ermordet.

Ensemble ZWOCKHAUS:
Winfried Radeke (Leitung und Moderation)
Maria Thomaschke (Gesang)
Andreas Jocksch (Gesang)
Nikolai Orloff (Klavier)

Der Eintritt ist frei. Einlass bis zum Erreichen der höchstzulässigen Besucherzahl.

9 Q und 6 L

Das Getto Theresienstadt existierte wie eine eigene Welt und besaß ein eigenes Vokabular. Manfred Greiffenhagen und Leo Strauss, selbst dort interniert, waren zwei der Wortkünstler, die die Größe besaßen, damit zu spielen.

Die frühere Garnison war in Planquadraten angelegt, als Orientierung dienten Ortsangaben aus Zahlen- und Buchstabenkombinationen. “9 Q nur und 6 L – wir sind lebend hier begraben“, schrieb Leo Strauss. „Menage“ stand für Essen, und Essen war immer und immer wieder Thema der künstlerischen Arbeiten, die im Getto entstanden. „Zwock“ wurde der Irre genannt und „Zwockhaus“ entsprechend die Irrenanstalt. Der passende Name für ein musikalisches Ensemble, das sich mit dem Kabarett in Theresienstadt beschäftigt?

Winfried Radeke, Leiter des Ensembles ZWOCKHAUS aus Berlin, führte durch den Abend. Nicht als charmant plaudernder Conférencier, sondern als Moderator, der den Hintergrund der einzelnen Lieder erläuterte und spürbar machte, wie sehr ihm das Thema persönlich am Herzen liegt. „Die Texte haben – mindestens – einen doppelten Boden“, warnte Radeke.

Die fünf deutschsprachigen und zwei tschechischen Kabarett-Formationen im Getto stellten ihre Programme zum Großteil aus Parodien zusammen. Bekannt-beliebte Melodien wurden neu betextet: Erinnerungen an die Welt da draußen, an Wien, den Prater, blitzten als Momentaufnahmen auf. Wenn der Judenstern zum „gelben Fleckerl“ wurde und der Transport nach Theresienstadt zur „Reise ohne Kosten“; dann ironisierten die Worte die eigene, unerträgliche Situation. Und doch schlugen immer wieder der schreckliche Ernst, die Hoffnungslosigkeit durch: Man trägt das schwere Schicksal/als ob es nicht so schwer/und spricht von schöner Zukunft/als ob‘s schon morgen wär. (Leo Strauss)

Maria Thomaschke und Andreas Jocksch interpretierten ergreifend. Wenn die Sehnsucht in den Liedern in schreiende Verzweiflung umschlägt, wenn witzige Wortspiele in stille Resignation münden, dann agierten die Sänger gleichzeitig als Schauspieler, ausdrucksstark und bewegend. Nikolai Orloff begleitete ausgezeichnet am Klavier.

Die Lieder von Ilse Weber, als erfolgreiche Autorin ebenfalls in Theresienstadt interniert, ergänzten die Veranstaltung um eine ganz andere Note. Hier ist es mit dem Wortwitz vorbei, hier sind keine Kommentare notwendig – oder möglich? Radeke gab die biografische Randnotiz: Als die Kinder des Krankenhauses, in dem Weber als Krankenschwester arbeitete, nach Auschwitz deportiert wurden, ging sie freiwillig mit.

Vielleicht ist es ja wirklich ein wenig „irre“, sich mit Kabarett in einem Getto der Nazis zu beschäftigen, wie Hannelore Brenner, Agentin des Ensembles, im Gespräch (augenzwinkernd) sagte.

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