Lesung


Montag, 10. Juli 2017, 18 Uhr, Großer Saal, EG

Die Tigerin. Eine absonderliche Liebesgeschichte.


Roman von Walter Serner. Eine musikalische Lesung.

Im August 1942 wurde der Schriftsteller Walter Serner in das Getto Theresienstadt deportiert, wenig später in Riga ermordet. Mit seinem Dada-Manifest Letzte Lockerung hatte er Bekanntheit erlangt, mit seinem Roman Die Tigerin hatte er einen Skandal ausgelöst.

Angesiedelt im schillernden Ganoven- und Halbwelt-ilieu der 1920er-Jahre erzählt er darin die wilde Liebesgeschichte zwischen der Prostituierten Bichette und dem kleinen Gauner und Hochstapler Fec. Mit großen und mit kleinen Coups versucht das Paar, der Verzweiflung, dem Nichts zu entkommen und zu retten, was nicht mehr zu retten ist. An der Côte d’ Azur verführt Bichette wohlhabende Liebhaber, um sie später zum Zahlen von Schweigegeld zu erpressen. Doch dann werden beide von der echten Leidenschaft eingeholt…

Die Tigerin ist ein erotischer Roman, der bei seinem Erscheinen 1925 wegen seiner sexuell offensiven Sprache und des Milieus, in dem er spielt, für hitzige Diskussionen sorgte.

Michael Stülpnagel, Schauspieler, und Johannes Weigle, Musiker, inszenieren als Duo Phantasma literarisches Kopfkino mit eindrucksvollen Hörerlebnissen.

Der Eintritt ist frei. Einlass bis zum Erreichen der höchstzulässigen Besucherzahl.


Walter Serners Die Tigerin: Liebe als Abmachung gegen den Leerlauf

Am Ende des Romans wird Fec, der Bändiger der Tigerin Bichette, erschossen. Aus Versehen. War er letztlich doch der „Trottel“, als der er auf dem Montmartre lange gegolten hatte?

Walter Serner, Verfasser eines berühmten Manifests des Dadaismus, entfesselt die Sprache, wenn Bichette und Fec, das Paar aus dem Pariser Halbweltmilieu, sich streitet und liebt, rauft und schlägt. Da werden wilde Wortschöpfungen aneinander gereiht, es gurrt und schnurrt, da wird die Sprache wollüstig. Dies trug dazu bei, dass Serners Roman Die Tigerin bei seinem Erscheinen in den 1920er Jahren als Skandal-Literatur galt.

Heute macht es schlichtweg Spaß, Michael Stülpnagel im HdH BW beim Lautmalen zuzuhören. Auch die Handlung provoziert nicht mehr: Merkwürdige Liebespaare und Geschichten unter Zuhältern, Gaunern und Prostituierten existieren en masse.

Fec hat alles hinter sich und abgeschlossen mit der Welt, als er eine Beziehung mit Bichette anfängt. Bichette langweilt sich, nur deshalb lässt sich die freiheitsliebende Tigerin „einfangen“. „Ich liebe dich nicht“ – darin sind sich beide einig. An der Côte d’Azur, intrigierend als Hochstapler und Erpresser, spielt plötzlich die Eifersucht eine Rolle und die Abmachung gegen den Leerlauf funktioniert nicht mehr, gerät außer Kontrolle. „Wir lieben uns – wir wissen nur nicht, warum“, heißt es jetzt.

Walter Serner lässt alles in der Schwebe. Seine Figuren haben etwas Flirrendes, und ihre Beweggründe sind nicht zu durchschauen. In der Lesung des Duo Phantasma unterstrich die Musik von Johannes Weigle die Atmosphäre. Sie untermalte einmal jazzig, einmal impressionistisch, einmal temperamentvoll pariserisch. Wenn Fec sein letztes Abenteuer eingeht und Bichette, die sich mit dem erpressten Schweigegeld auf-und-davon gemacht hat, verfolgt, dann ist nichts geklärt. Ist Fec ein ausgenutzter „Trottel“ oder der Bezwinger der Tigerin? Wer benutzt wen, warum und wozu? Sicher ist nur, dass Walter Serner die Geschichte einer „absonderlichen Liebe“, so der Untertitel des Romans, geschrieben hat.

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