Sommerlesung


Dienstag, 11. Juli 2017, 20 Uhr, Literaturhaus Stuttgart

„Sie kam aus Mariupol“


Lesung und Gespräch mit Natascha Wodin und Helmut Böttiger

Natascha Wodin, 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth/Bayern geboren, wuchs erst in deutschen DP-Lagern, dann, nach dem frühen Tod der Mutter, in einem katholischen Mädchenheim auf. Ihr Werk wurde unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Preis, dem Brüder-Grimm-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Für „Sie kam aus Mariupol“ wurden ihr der Alfred-Döblin-Preis und der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Es ist das außergewöhnliche Buch einer Spurensuche: Natascha Wodin geht dem Leben ihrer Mutter nach, die aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol stammte. Als junges Mädchen hatte sie den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebt. 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrem Mann als "Ostarbeiterin" nach Deutschland verschleppt.

"Das erinnert nicht von ungefähr an die Verfahrensweise, mit der W. G. Sebald, der große deutsche Gedächtniskünstler, verlorene Lebensläufe der Vergessenheit entriss." (Sigrid Löffler in ihrer Laudatio auf Natascha Wodin bei der Verleihung des Alfred-Döblin-Preises 2015)

Die Veranstaltung findet im Vinum des Literaturhauses Stuttgart statt.

Literaturhaus, Breitscheidstraße 4, 70174 Stuttgart.
Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln:
U1 / 2 / 9 / 14, Bus 41 / 43
Haltestelle Berliner Platz/Liederhalle.

Eintritt: Euro 10,-/ 8,-/ 5,-,
Verkauf über das Literaturhaus
www.literaturhaus-stuttgart.de

Rekonstruktionen

Im Stuttgarter Literaturhaus stellte Natascha Wodin im Gespräch mit Helmut Böttiger ihren prämiierten Roman Sie kam aus Mariupol vor. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem HdH BW statt.

Mit dem Text rekonstruiert Natascha Wodin ihre eigene Familiengeschichte und erinnert zugleich an ein weithin vergessenes Stück Zeitgeschichte. Die Autorin war 40 Jahre alt, als sie sich in Medien-Archiven, Forschungseinrichtungen, Sammlungen und natürlich im Internet auf die Suche nach der Identität ihrer Mutter machte. Als Wodin noch ein Kind war, hatte diese Selbstmord begangen. Was die Autorin in mühevoller Recherche-Arbeit fand, stellte die eigenen, flüchtigen Erinnerungen in Frage, korrigierte das dunkel-düstere Bild der Mutter, verhalf Wodin, bisher nahezu ohne Familie, zu einem weitverzweigten Multi-Kulti-Stammbaum hinein in Adels- und Intellektuellen-Kreise – versöhnte es auch, so Böttigers Frage, mit den in der Kindheit erlittenen Verletzungen? Nein, derartig heilend konnte die Aufarbeitung der Vergangenheit nicht sein. „Ich bin nicht traumatisiert“, so die Schriftstellerin, aber die Erfahrung der Heimatlosigkeit, des Nirgendwo-Dazugehörens als Tochter russischer Zwangsarbeiter in Deutschland habe sie tief geprägt.

Der erste Teil des Abends thematisierte die autobiografische Arbeit Natascha Wodins, einer der beiden Erzählstränge des Romans. Sie beschrieb ihre Recherchen, die Fülle an Material, die sie fand. Dennoch ergab sich kein durchgängiger Lebenslauf. Es verblieb eine große Zahl nicht dokumentierter Lücken. Wodin füllte sie erzählerisch mit Vermutungen, Annahmen, mit Interpretationsversuchen.

Die zweite Lesung aus dem Roman führte mitten hinein in diese Vermutungen. 1944 verließ Wodins Mutter die Ukraine, sah mit ihrem großbürgerlichen familiären Hintergrund hier keine Zukunft mehr für sich und kam schließlich, über welche Wege auch immer, als Zwangsarbeiterin nach Deutschland. Über 40.000 Lager für Zwangsarbeiter existierten dort, die Menschen lebten unter schrecklichen Bedingungen – ein Geschichtskapitel, das, so Wodin, in deutscher Sprache literarisch bisher in keiner Weise aufgearbeitet worden ist.

Auf dem Weg nach Deutschland „verlor“ sie ihre Mutter, die Spuren wurden immer diffuser, der Aufwand an Rekonstruktion in der Erzählung größer. Vor ihrer Arbeit an Sie kam aus Mariupol hatte Natascha Wodin ein vages, unklares Bild ihrer Mutter. Nach Abschluss existiere jetzt eine ganze Reihe, zum Teil widersprüchlicher Bilder. Sie würde ihre früheren, ebenfalls autobiografisch gefärbten Texte heute anders schreiben, resümiert die Schriftstellerin.

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