Lesung


Dienstag, 26. September 2017, 20 Uhr, Literaturhaus Stuttgart

Wir sagen uns Dunkles – Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan


Lesung und Gespräch mit Helmut Böttiger und Denis Scheck

Es ist eine Liebesgeschichte, um die sich viele Legenden ranken: Die Österreicherin Ingeborg Bachmann und Paul Celan aus der Bukowina lernten sich als junge, noch unbekannte Lyriker im Frühling 1948 kennen, und ihre Beziehung dauerte bis Anfang der Sechzigerjahre, als beide schon längst zu den bedeutendsten Dichtern der deutschen Nachkriegszeit zählten.

„Im Mai 1948 war sie knapp zweiundzwanzig und Paul Celan siebenundzwanzig Jahre alt, und sie hatten wenig mit den beiden mythischen Figuren gleichen Namens zu tun, die in den siebziger und achtziger Jahren die deutschsprachigen Universitätsseminare beherrschen sollten. Sie verbrachten nur sechs Wochen gemeinsam in Wien. Aber diese sechs Wochen sind der rätselhafte Kern ihrer Beziehung, ihr privater Mythos und der Quell unzähliger späterer Zuschreibungen", schreibt Helmut Böttiger in der Geschichte dieser Liebe "Wir sagen Dunkles".

Helmut Böttiger lebt als freier Autor und Kritiker in Berlin. Für sein Buch Die Gruppe 47 wurde er 2013 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Der Kritiker und Journalist Denis Scheck moderiert Druckfrisch, das Literaturmagazin der ARD, sowie Kunscht! und lesenswert im Fernsehen des SWR.

Die Veranstaltung findet im Literaturhaus Stuttgart statt.

Literaturhaus, Breitscheidstraße 4, 70174 Stuttgart.
Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln:
U1 / 2 / 9 / 14, Bus 41 / 43
Haltestelle Berliner Platz/Liederhalle.

Eintritt: Euro 10,-/ 8,-/ 5,-,
Verkauf über das Literaturhaus
www.literaturhaus-stuttgart.de


Ingeborg Bachmann/Paul Celan

Klatsch und Tratsch, Rezeptionsgeschichte und Lyrikinterpretation, Blicke ins Innere des Literaturbetriebs und in die Psyche zweier Künstler – ein Gespräch zwischen Helmut Böttiger und Denis Scheck bot alles.

„Die Sprache hat mich überwältigt“, gestand Helmut Böttiger zu Beginn des Abends im Stuttgarter Literaturhaus. Zu Studentenzeiten entdeckte er in seiner Stamm-Buchhandlung zwischen Bändchen mit Werken von Erich Fried und Wolf Biermann eine Sammlung von Paul Celan. Der Dichter hat ihn seither nicht mehr losgelassen. Schon mehrere Bücher hat Böttiger über ihn geschrieben, jetzt ganz neu Wir sagen uns Dunkles. Es geht um die Beziehung zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann.

Celans sprachliche Heimat verortet Böttiger im „Habsburger-Deutsch“. Aufgewachsen in Czernowitz, kulturell orientiert an Wien, war die am Burgtheater gepflegte Sprechkultur etwa eines Alexander Moissi für ihn das Maß aller Dinge. Dieser Tonfall, diese Art des erhaben-enthobenen Rezitierens passte nicht in die Literaturlandschaft der 1950er-Jahre. Gedichte in Tradition eines Stefan George weihevoll vorzutragen war suspekt. Es war für Paul Celan schwierig, in diesem Betrieb zu reüssieren.

Ingeborg Bachmann sah in Celan den Gegenentwurf zum zynischen Kaffeehaus-Dichter. Er entsprach ihrer Sehnsucht nach Ernsthaftigkeit, schrieb wie der Zeit enthoben. Er erschien ihr als jemand, der die konsequente Einheit von Leben und Literatur suchte – wie sie selbst. Nach sechs intensiven Wochen des Zusammenseins in Wien arbeitete sie zwei Jahre lang daran, ihm nach Paris zu folgen. Dort scheiterte die Beziehung an der Banalität des Alltags, lebte später in Köln für ein halbes Jahr wieder auf, dann endlich mit gleichberechtigten Partnern auf Augenhöhe, so Böttiger.

Denis Scheck setzte im Gespräch immer wieder Spitzen. Narzissmus, karriereorientierte Beziehungspflege, Eitelkeiten spielen in allen Künstlerbiografien ihre Rollen. Wie konnte der Jude Celan den Kontakt zu Ernst Jünger suchen? Wie viele Zufälligkeiten müssen konstruiert werden, um die Beziehungen Bachmanns zu erklären?

Wenn zwei Künstlerpersönlichkeiten sich nahe kommen, können Raum und Luft knapp werden. Dann reichen zehn Quadratmeter Hotelzimmer in Paris nicht aus. Für das Publikum sind diese Begegnungen immer wieder faszinierend. Sie führen letztendlich zu Werken wie Celans Gedicht Corona.


wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,

wir schlafen wie Wein in den Muscheln,

wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.
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