Lesung mit Musik


Mittwoch, 15. November 2017, 18 Uhr

„Un die Welt hot geschwign“
Elie Wiesel - ein Zeuge wider das Vergessen


Literarisch-musikalische Soiree mit Rudolf Guckelsberger, Textauswahl und Lesung, und Vanessa Porter, Marimbaphon

Als Fünfzehnjähriger wurde er aus seiner Heimat, der frommen chassidischen Welt eines rumänischen Schtetls, gerissen und in die Hölle von Auschwitz verschleppt. Er hat sie überlebt, als einziger seiner Familie. In autobiographischen Schriften hat er später von seinen Erlebnissen berichtet und das Ungeheuerliche in Romanen, Gedichten, Essays zu begreifen versucht.

Aber Elie Wiesel wollte den Holocaust nie bloß literarisch „konservieren“. Seine Erinnerungen weisen immer in die aktuelle Gegenwart und in die Zukunft: In einer Welt, die nach wie vor von Gewalt, Unterdrückung und Rassismus geprägt ist, will er uns bewahren vor Apathie und Gleichgültigkeit. Die großen und kleinen Tragödien der Menschheitsgeschichte, so meinte er, geschehen immer wieder nur aus einem Grund: weil wir wegschauen und schweigen, und so den Tätern das Feld überlassen.

Als Anerkennung für sein literarisches und politisches Zeugnis, für sein unermüdliches Ringen um eine menschenwürdigere Welt erhielt Wiesel 1986 den Friedensnobelpreis.

In seiner Collage gibt Rudolf Guckelsberger einen Einblick in Elie Wiesels umfangreiches Werk, vornehmlich mit Passagen aus seiner frühen Arbeiten, in denen er versucht, das Unaussprechliche des Schoah-Erlebnisses in Worte zu fassen. Begleitet wird er dabei von Vanessa Porter, einer vielfach ausgezeichneten jungen Percussionistin, die mit ihren einfühlsamen Improvisationen und Darbietungen klassischer Kompositionen die Lesung zu einem eindrücklichen Erlebnis werden lässt.

Im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen Stuttgart 2017.
Der Eintritt ist frei. Einlass bis zum Erreichen der höchstzulässigen Besucherzahl.


„Ich glaube an den Menschen – trotz des Menschen.“

Elie Wiesels Leben war ein einziger Kampf wider das Vergessen.

Gegen welche Haltung er sich richtet, zeigte die Passage aus Gezeiten des Schweigens, mit der Rudolf Guckelsberger den Abend im HdH BW begann: Elie Wiesel, der Erzähler, beobachtet einen Zuschauer. Hinter sicherem Fensterglas sieht dieser, wie Polizisten jüdische Frauen und Kinder schlagen. „Er ist da, handelt aber so, als sei er nicht da“, schlimmer noch: „…als seien wir nicht da.“ Wie ein Leitmotiv zog es sich durch die Lesung: Stillhalten, Wegschauen, Resignieren, Schweigen sind keine Option. Auch wenn die Verzweiflung an Gott und dem Menschen dazu verleiten könnte. Elie Wiesel: „Ich war außerstande zu seufzen.“ – „Ich werde schreien!“

Rudolf Guckelsberger las vornehmlich Passagen aus dem autobiografischen Werk Die Nacht, in dem Wiesel seine Zeit in den Lagern von Auschwitz und Buchenwald beschreibt. Guckelsberger schonte die Zuhörer nicht dabei, wählte Beschreibungen, die nicht erträglich sind. Wenn im Text die „Suppe nach Leichnam schmeckt“, dann kann auch Musik nicht harmonisch sein. Vanessa Porter an Schlagwerk und Marimba hämmerte mit David Langs The Anvil Chorus auf die Trommelfelle der Zuhörer ein, wutschnaubende Töne, Lärm, es schmerzte – es muss schmerzen. Wie viel Tiefe sie über ihr Instrumentarium vermitteln kann, bewies Vanessa Porter mit ihrer Improvisation und ihrer Interpretation von einem Ausschnitt aus Iannis Xenakis Rebonds B. Sehnsuchtsvoll-traurige Momente, geschrieben von Wiesel über jüdische Legenden, in Töne gefasst von Debussy und J.S. Bach, waren an diesem beeindruckenden Abend eine Ausnahme. Aber er endete mit Elie Wiesels literarischem Testament Mit offenem Herzen, in dem er trotz allem schreibt: „Ich glaube an den Menschen – trotz des Menschen.“

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