LESUNG & GESPRÄCH


Mittwoch, 21. März 2018, 18 Uhr, Großer Saal EG

 



 

copyright: Jürgen Bauer

 

ortswechsel/osteuropa/anderswo


Olga Martynova im Gespräch mit Irene Ferchl

Das HdH BW setzt seine literarische Lese- und Gesprächsreihe fort.

Die Titel ihrer drei hochgelobten Romane – »Sogar Papageien überleben uns«, »Mörikes Schlüsselbein« und »Der Engelherd« – klingen vielversprechend und die Texte lösen das auch ein, es sind Wunder des Erzählens. Geschult ist Olga Martynova an der großen russischen und deutschsprachigen Literatur, die sie in ihrer Kindheit und dem Studium in Leningrad kennenlernte. 1991 zog sie nach Deutschland und veröffentlichte hier zunächst drei Gedichtbände, die in russischer Sprache geschrieben und gemeinsam mit deutschen DichterInnen übersetzt sind; Romane und Essays verfasst sie auf Deutsch.

In ihrem März 2018 im Fischer-Verlag erschienenen neuen Essayband fragt Olga Martynova unter dem provokanten Titel »Über die Dummheit der Stunde« nach den derzeitigen Veränderungen in Deutschland und Europa, nach der Rolle, die die Vergangenheit und eine vielleicht wieder politischer werdende Literatur dabei spielen können. Reisen in ihre Heimatstadt St. Petersburg und auf die Krim, Lektüren der Dichter von Ovid bis Celan, Mandelstam bis Brodsky sind die Grundlage für ihre literarischen Grenzgänge und ihre weit blickenden Reflexionen.

ortswechsel / osteuropa / anderswo

Das Land der Geburt verlassen, von der Spielstätte der eigenen Familiengeschichte abgehen, den vertrauten Sprachraum aufgeben – prägen solche Erfahrungen spätere Biografien? Wird das Kappen von Wurzeln zur Motivation zum Schreiben? Kann Literatur ein Ort sein, an dem man sich (wieder) zuhause fühlt?

In der Lese- und Gesprächsreihe unterhält sich die Stuttgarter Kulturjournalistin Irene Ferchl mit Autoren und Autorinnen über deren Bücher, ihr Schreiben und die Fragen nach Heimat und Identität – woran lässt sich diese in unseren Zeiten festmachen? Alle haben sie jeweils ihre Geburtsländer verlassen, ihre vertrauten Sprachräume aufgegeben. Sie haben unterschiedliche Lebensgeschichten, unterschiedliche Schreibstile – gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, eine Fremde zum Eigenen verarbeitet zu haben.

Irene Ferchl hat Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft studiert und 1993 das Literaturblatt für Baden-Württemberg gegründet, das sie als Herausgeberin und Chefredakteurin bis heute leitet. Ihr Arbeitsgebiet ist die Vermittlung von Literatur, ob als Autorin von Reiseführern, Projektleiterin in Stadt, Region und Land, Moderatorin oder langjährige Redakteurin zum Beispiel der Publikationen zu den Chamisso-PreisträgerInnen der Robert Bosch Stiftung.


 
copyright: Burkhard Riegels

Die Reihe wird fortgesetzt.

Der Eintritt ist frei.

Einlass bis zum Erreichen der höchstzulässigen Besucherzahl. Die Veranstaltungsräume sind nicht barrierefrei.


„Where are you from?“

Essays und Romane schreibt sie in Deutsch, ihre Lyrik in Russisch, der Sprache ihrer Geburtsstadt Leningrad – auf die Frage nach dem „Warum“ hat sich Olga Martynova eine Auswahl an Antworten zurechtgelegt. Im Gespräch nenne sie dann die jeweils aktuellste, erklärt die Schriftstellerin, für Irene Ferchl habe sie diese bereit: „Aus Loyalität“, um sich gegenüber Russland nicht als „Verräterin“ zu fühlen. Russland sei ihre „Heimat“, Frankfurt am Main zugleich ihr „Zuhause“.

Loyalität – Verbundenheit – Verantwortung: Für Olga Martynova, die sich selbst als politischen Menschen, aber keineswegs als politische Autorin bezeichnet, sind es zentrale Werte. Im HdH BW las sie aus Über die Dummheit der Stunde den Essay Jerusalem. Er nimmt die für Reisende allgegenwärtige Frage „Where are you from?“ auf. Martynova antworte eigentlich immer „from Russia“. In Jerusalem habe sie ein Experiment durchgeführt und „from Germany“ entgegnet. Erst in Yad Vashem, der Holocaust Gedenkstätte, sei ihr klar geworden: Zentral für diese Bekenntnis sei es, sich einer Verantwortung bewusst zu sein und sich ihr zu stellen. Und das tut Olga Martynova, für deutsche als auch für russische Themen.

1990 kam die Autorin gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Oleg Jurjew, nach Deutschland. Stuttgart kennt sie durch das Stipendium der Akademie Schloss Solitude ihres Mannes gut. Hier lebte sie ein Jahr lang, hier lernte sie Deutsch. Seither ist sie eine „Grenzgängerin“. 2017 erhielt sie die so benannte Rechercheförderung der Robert Bosch Stiftung und besuchte die Krim. Ihr dort geschriebenes Tagebuch ist der Versuch einer distanzierten Bestandsaufnahme, neutral beobachtend – „ich wollte nichts interpretieren“. Und diese Haltung wünscht sich die Autorin generell in Europa. Weniger eilige Aufgeregtheit, weniger Dogmatismus, stattdessen Deeskalationen. Das Ziel ihrer Essays sei es, einen Beitrag zu leisten beim Abbau der „allgemeinen Anspannung der heutigen Zeit“. Damit wird Olga Martynova, klüger, gründlicher und überlegter als manch anderer, dann doch zur Autorin mit politischem Anspruch.

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