STUDIENFAHRTEN FÜR LEHRERINNEN UND LEHRER

Lehrerstudienfahrt nach Zentral-, Ost- und Südostpolen
von Dienstag, 6. bis Donnerstag, 15. Juni 2017


„Theo, wir fahr’n nach Lodz“, so lautete eine der Schlagzeilen in Postwurf-BILD vom 22.6. 2017 zum 65. Geburtstag unserer Bundesrepublik. Aber nicht nur Vicky Leandros und Theo Waigel reisten unlängst auf Einladung der Boulevardzeitung dorthin, sondern auch wir als Teilnehmer der Lehrerstudienfahrt mit Dr. Diane Dingeldein vom Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg.

Und wir blieben gleich drei Tage in dieser immer noch futuristisch anmutenden Stadt, nach Stationen in Warschau, Lublin, Zamość, Rzeszów und Krakau. Obwohl diese Studienfahrt räumlich gesehen auf Zentralpolen begrenzt war, hat sich ein Kreis eröffnet und geschlossen, der so gut wie alle Facetten der tausendjährigen polnischen Geschichte und Kultur umfasste. Aber auch Diskussionsstoff war genügend vorhanden, denn immer wieder kamen wir durch unsere Gesprächspartner und Stadtführer auf die  aktuellen politischen Entwicklungen der gegenwärtigen, von der PiS dominierten Regierung zu sprechen.  

Unser Schwerpunkt lag neben den eher touristischen Zielen auf den Begegnungen, die erst den Mehrwert einer solchen Studienfahrt ausmachen. Und davon gab es eine ganze Menge. Das fing schon in Warschau nach dem Bustransfer mit dem Besuch des Deutsch-Polnischen Jugendwerks an, dessen Arbeit uns von zwei Referenten vorgestellt wurde. Nach dem Vorbild des Deutsch-Französischen Jugendwerkes aufgebaut, vermittelt und unterstützt es Begegnungen zwischen Gruppen und Schulen in beiden Ländern, seit einigen Jahren vermehrt auch trinational mit weiteren Staaten Osteuropas wie der Ukraine, Tschechien oder in Russland. Trotz der geografischen Entfernung pflegen gerade Schulen aus Baden-Württemberg einen regen Austausch mit polnischen Schulen.

Die Stadtführung machte vor allem deutlich, dass der Wiederaufbauwille und das Nationalbewusstsein in Warschau ungeahnte Kräfte freisetzte, die nahezu vollständig zerstörte Altstadt wieder ansprechend zu gestalten und sich dennoch der Geschichte zu stellen, die für Polen oft genug mit Leid und Leiden verbunden war. Daran wurden wir besonders im Jüdischen Museum Warschau erinnert, aber auch bei der Stadtrundfahrt durch das Gebiet des ehemaligen Gettos, entlang der Weichsel und beim Bummeln durch die modernen Geschäftsstraßen.

Entspannt erlebten wir die Begegnung mit den Studenten der Germanistischen Fakultät über den Dächern Warschaus und das Essen in der Mensa der Bibliothek, bevor wir auf eigene Faust die Nowy Świat erkundeten, um das Flair der Hauptstadt kennen zu lernen. Dass wir am frühen Abend im Muzeum Archidiecezji Warszawskiej noch ein Chopin-Klavierkonzert erleben durften, war eine schöne Abrundung.

Lublin überraschte uns durch seine hübsche Lage und den heiteren Charakter der Innenstadt, bei der gerade vor unserem Hotel Europa ein städtischer Park neu angelegt wurde. Dass hier die Schatten der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft bis heute nachwirken, sollte uns zwei Tage lang beschäftigen, nämlich durch den Besuch der KZ-Gedenkstätte Majdanek, dem Besuch im Teatr NN und bei der Besichtigung des Zamek (Schlosses) mit der eindrucksvollen Dreifaltigkeitskapelle. Nicht zu vergessen die Einkehr im jüdischen Restaurant Mandragora mit (angeblich) koscherem Wein und einer sehr schmackhaften Ente, die wir hier serviert bekamen. Und mittendrin das quirlige Leben in den vielen Lokalen entlang der Grodzka, das sich um uns herum abspielte.

Die Ausflüge nach Zamość und Majdanek standen unter geschichtlichem Aspekt. Hier die geniale Idee eines Renaissancefürsten, sich mithilfe italienischer Baumeister eine Renaissancestadt zu erbauen, einschließlich uneinnehmbarer Festungsbauten, deren  Charakter bis heute unverändert geblieben ist, dort die Entsetzlichkeit einer unbarmherzigen Todesmaschinerie, aus der es nach der „Zuführung“ kein Entkommen gab, nur Hunger, Arbeit bis zur Erschöpfung, Leiden und vieltausendfachen Mord. Wer hier vor dem Berg aus Asche gestanden ist und die Verbrennungsöfen gesehen hat, weiß, warum es heute nur noch wenige tausend polnische Juden gibt.

Bei der Weiterfahrt erreichten wir mit Rzeszów eine aufstrebende Industriestadt mit einer Architektur, die auf die k. und k. Zeit zurückgeht. Wir ließen es uns im Kaffeehaus gut gehen, bevor wir die zweite Tagesetappe nach Krakau antraten. Dort waren wir in der Galerie des Nürnberger Hauses eingeladen, einen Einblick in die Kulturarbeit und die Verbindung beider Partnerstädte zu erhalten. In Krakau hatte man am ehesten das Gefühl, eine unzerstört gebliebene Stadtlandschaft zu erleben, kein Wunder, dass die Stadt seit 1978 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Zur Schönheit Krakaus tragen die Lage an der Weichsel, die beeindruckende Größe des Königlichen Schlosses auf dem Wawel, aber auch der Rynek mit den Tuchhallen aus dem 19. Jahrhundert bei, überragt von der Marienkirche, die an diesem Sonntag Ziel tausender Gottesdienstbesucher war. Wer wollte, konnte in Nowa Huta am Nachmittag noch ein Exempel sozialistischen Städtebaus studieren, andere spazieren die Grodzka auf und ab. „Hawelka“ hieß das Restaurant des Abends, bevor sich einige Unentwegte nochmals nach Kazimierz aufmachten, um dort im ehemaligen jüdischen Wohnbezirk umherzustreifen, der im Zentrum erfüllt war mit jungen Leuten aus der ganzen Welt.

Die wohl unbekannteste Metropole Mitteleuropas, Łódź, sollte noch einmal zum überraschenden Höhepunkt werden. Diese Boomtown des späten 19. Jahrhunderts wirkt auch heute noch ein Stück unwirklich, so gigantisch stehen dort die ehemaligen Textilfabriken und Villen von Scheibler, Grohmann und Poznański. Manche wurden inzwischen nach Jahrzehnten des Niedergangs wieder wachgeküsst, wir konnten uns selbst ein Bild davon machen, zwar nicht als Hotelgäste, aber immerhin als Restaurantbesucher. Geprägt war der Besuch in Łódź jedoch durch die Begegnung mit Vertretern der Universität und am drittletzten Tag unserer Reise durch Hospitationen an polnischen Schulen. Dies war auch für die Polen-Erfahrenen unter uns ein weiterer Höhepunkt, denn das polnische Schulwesen ist derzeit im Umbruch, und dies bedeutet besonders für die staatlichen Schulen eine völlige Neuorganisation der Schulstandorte. Da wir in Kleingruppen auf verschiedenen Schultypen verteilt wurden, ergab dies auch innerhalb unserer Reisegruppe interessante Nachgespräche.

Einstige fürstliche Hofhaltung aus der goldenen, immer wieder verklärten Zeit Polens vor den Teilungen im Palast Nieborów, bescheidenes ländliches Leben im Freilichtmuseum Maurzyce und das aufstrebende Thermalbad Uniejów, das Anschluss an die Moderne sucht, waren am vorletzten Tag die Stationen einer Rundfahrt in die Umgebung von Łódź. Zwar wurde aus der Abkühlung im Thermalbad nichts, aber wir erlebten, wie aus dem Nichts heraus uns im dortigen Schlossrestaurant wieder einmal ein Abendessen vom Feinsten serviert wurde, zu dem auch das polnische Bier vorzüglich schmeckte.

Fronleichnam zeigte denen, die sich am Abreisetag noch einmal in die Stadt begaben, wie ein Feiertag in Polen gefeiert wird, an dem jede katholische Kirche zum Prozessionsort wird. Da sogar entlang der 4,3 km langen Piotrkowska alle Geschäfte geschlossen waren und die Arbeit ruhte, war es entsprechend ruhig und wir konnten mit dem Bus ganz entspannt zum Frederic-Chopin-Flughafen nach Warschau gelangen. Eine sehr informative und ausgesprochen interessante Studienfahrt ging zu Ende.

Lothar Schwandt
Realschule am Karlsberg, Crailsheim


Ein Lehrerausflug der besonderen Art::

Studienreise des Hauses der Heimat des Landes Baden-Württemberg nach Bessarabien, Moldau und in die rumänische Bukowina

von Dienstag, 17. Mai bis Mittwoch, 25. Mai 2016, unter der Leitung von Dr. Diane Dingeldein

So weit in den Osten Europas führte eine Lehrerstudienfahrt des Hauses der Heimat noch nie; Diane Dingeldein machte aus der erstmaligen Fahrt nach Moldawien, dem einstmaligen „Bessarabien“, und in die Bukowina ein Feuerwerk der spannenden Begegnungen, tiefer politischer Einsichten und touristischer Höhepunkte.
Treffenderweise flog uns die „Austrian Airlines“ am Dienstag, dem 17. Mai 2016, über das Herz der alten KuK-Monarchie bis über seine Peripherie hinaus nach Chişinau (dt. Kischinau), der Hauptstadt der Republik Moldawien.

  • Deutsche Botschaft Chisinau

  • Stadtführung Chisinau

  • Chisinau

  • Jüdischer Friedhof Chisinau

  • Festung Bender

  • Tiraspol

  • Gagausien

  • Klassenzimmer Eichendorf

  • Orhei Vechi

  • landestypisches Essen

  • Cricova

  • Demokratisches Forum Suceava

  • Empfang Schule Suceava

  • Schülerstadtführung Suceava

  • Synagoge Radauti

  • Kloster Voronet

  • Eiermuseum Vama

  • Kloster Moldovita

  • Reisegruppe

  • Kloster Sucevita

  • Straßenbahn Iasi

Kaum angekommen, empfing uns die deutsche Botschafterin, Frau Ulrike Knotz, zum Gespräch in ihrer kleinen, aber stark gesicherten Botschaft. Sie ist Anlaufpunkt quasi für alle, angefangen von den Schulen und der Deutschabteilung der Universität bis hin zu den höchsten politischen und wirtschaftlichen Kreisen. Und sie nahm kein Blatt vor den Mund: Das Land ist geplagt von Korruption von oben bis unten. Wenige Oligarchen geben den Ton an. Die Veruntreuung von Staatsvermögen erschüttert das Land. Dabei gab sie sich stark, humorvoll und guter Dinge –  ein beeindruckendes Treffen.
Am Mittwoch erhielten wir eine Stadtführung von Frau Natalja Domcovichi. Sie zeigte uns die nach der Eroberung Bessarabiens im 19. Jahrhundert von den Russen in Planquadraten angelegte Innenstadt, und auch hier erfuhren wir so manches über die gegenwärtigen Probleme des Landes. Wir sahen die große Statue des spätmittelalterlichen moldauischen Fürsten „Stefan cel Mare“ (Stefan der Große), diverse Regierungsgebäude mit Zelten einer Protestbewegung davor, den liebevoll wiederhergestellten Stadtpark und das nach einer dubiosen Privatisierung nie wieder geöffnete Archäologische Museum der Stadt. Der Bus brachte uns schließlich zu den beiden großen jüdischen Friedhöfen, die vom aktiven jüdischen Leben bis ins 20. Jahrhundert zeugen (laut einer Zählung aus dem Jahr 1897 waren damals die Juden mit 46% die größte Bevölkerungsgruppe der Stadt), bis es durch Pogrome, Verschleppung und Auswanderung fast vollständig zum Erliegen kam. Aber nur fast: Ein Mitglied der kleinen Gemeinde, Frau Irina Shihova, führte uns engagiert und kompetent durch die beiden Areale: Der „alte“ Friedhof ist aufgelassen, der „neue“ Friedhof ein verträumtes Gelände, dessen von Pflanzen überwucherte Gräber tausend Geschichten erzählen könnten.
Am Nachmittag wurden wir am Deutschen Seminar der Pädagogischen Staatsuniversität Chişinau von Professor Viktor Chiseliov freundlich empfangen. Es wurde eine lebhafte und interessante Veranstaltung, in der viele Beteiligte zu Wort kamen: Professoren, Studenten, der Deutsche Akademische Austauschdienst, moldawische Lehrerinnen und der deutsche Bundesprogrammlehrer. Bei einem Einstiegsgehalt von ca. 120 EUR werden in Moldawien nur Idealisten Lehrer. (Kleine Geschenke der Eltern sind da gerne gesehen.)
Donnerstag war der surrealistische Höhepunkt der Reise: eine Tour nach Transnistrien. Ein schmales, dünnes Ländchen jenseits des Flusses Dnister (rum. Nistru), von niemandem anerkannt (außer von zwei Gleichgesinnten, nämlich Süd-Ossetien und Abchasien), nicht einmal von Russland, bis vor Kurzem dem großen Geldgeber. Nostalgisch umständlicher Grenzübertritt mit Tagesvisum, Besichtigung der alten Festung Bender noch diesseits des Dnisters, ab hier geführt vom lokalen Reiseführer Andrej Smolenskij. Dann entlang der Überland-Obuslinie von Bender über den Fluss bis zum kleinen und verschlafenen Hauptstädtchen Tiraspol. Vorm Parlament grüßt eine imposante Lenin-Statue. Üppiges ukrainisches Mittagessen, bezahlt mit transnistrischen Rubeln, einer Währung, die ebensowenig anerkannt ist wie das abtrünnige Gebiet. Den 5-Rubelschein ziert die örtliche Cognac-Fabrik, die Münzen sind aus „Komposit“, einer Art Kunststoff. Die unwirkliche Fahrt wurde abgeschlossen durch ein anregendes Gespräch mit transnistrischen Deutschlehrern.
Freitags ging es wiederum ins „Ausland im Inland“: das Ziel hieß Gagausien (sprich: [GagaUsien]), eine autonome Republik innerhalb des Staates Moldawien. Die rollenden grünen Hügel und Siedlungen sehen dort zwar auch nicht anders aus als im Rest des Landes, aber dort ist die Minderheit der Gagausen zu Hause, einer türkischsprachigen, überwiegend aber christlich-orthodoxen Bevölkerungsgruppe. Wir wurden im gagauischen Wissenschaftszentrum der Hauptstadt Comrat von Dr. Piotr Pashaly und seinem Team sehr gastfreundlich empfangen und in die Geschichte und Gegenwart des Völkchens eingeführt –  so wie sie es sehen. Wikipedia ist sich da weniger sicher ...
Nachmittags verließen wir die kleine Republik, um uns die Landschule von Doina anzuschauen, einem ehemals bessarabiendeutschen Örtchen namens Eichendorf. Das ganze Kollegium wartete trotz unserer Verspätung auf uns und bewies, wie man trotz außerordentlich begrenzter Mittel mit viel Enthusiasmus erfolgreich eine Schule führen kann. Eine Abkürzung führte uns zurück zur Hauptstraße. Eine Abkürzung, die es in sich hatte: ein ausgewaschener, holpriger Lehmweg, auf dessen erodierten Furchen unser großer Reisebus nach einem einzigen Regenschauer nicht die geringste Chance gehabt hätte. Heiße Balkanmusik im Bus ließ das Geholper zum unvergesslichen Erlebnis werden.
Samstag mauserten wir uns zu ganz normalen Touristen: Am Höhlenkloster von Orhei Vechi waren wir bei Weitem nicht die einzigen Besucher, ebensowenig wie bei der Weinprobe im unterirdischen staatlichen Weingut Cricova. Bevor es zur Verkostung ging, sahen wir auch den Saal, in dem Putin seinen 50. Geburtstag feierte, und die Weinsammlung mit einem Teil von Hermann Görings Beutewein, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die moldauische Sowjetrepublik gelangt war.
Abschied von Moldawien am Sonntag. Eine Zickzackfahrt durchs Land, bedingt durch die wenigen Straßen über die gewaltigen in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Hügel Moldawiens, brachte uns schließlich zur EU-Außengrenze, an der wir penibel kontrolliert wurden. Direktere, deswegen aber nicht weniger holprige Straßen brachten uns am Nachmittag auf rumänischer Seite durch die Provinz Moldau schließlich bis Suceava in der Bukowina. „Su... was?“ Da gingen die Aussprachen in der Gruppe auseinander. Einigen wir uns einfach auf die rumänische Aussprache: ['Sutschawa].
Noch vor dem – wie immer üppigen –  Abendessen trafen wir Mitglieder des „Demokratischen Forums der Deutschen in der Bukowina“ in ihrem Vereinshaus. Bei Wein und selbstgemachtem Likör hatten wir Gelegenheit, während eines interessanten Vortrags von Frau Anna Maria Gheorghiu und bei netten persönlichen Gesprächen mehr über Gegenwart und Vergangenheit der „Buchenlanddeutschen“ zu erfahren. Die Bukowina war ein von 1774 bis 1918 von Österreich nach bestem Wissen und Gewissen regierter Teil der KuK-Monarchie. (Welcher von den beiden Aspekten dabei schwerer wog, darüber entspann sich eine lebhafte Diskussion in der Gruppe.)
Montag war Schultag, auch für uns. Zwei Sekundarschulen hatten sich liebevoll auf unseren Besuch vorbereitet. Es gab Vorträge, von Schülern erstellte PowerPoint-Präsentationen zu ihren Zukunftsplänen, und live vorgetragenen Gesang. Den Höhepunkt bildete eine Stadtführung in Kleingruppen, durchgeführt von Oberstufenschülern. Das war eine tolle Sache, erfuhr man doch nicht nur etwas über Suceava, sondern auch über ihre Pläne und Gedanken über die Welt.
Den Nachmittag verbrachte die Gruppe in dem Städtchen Rădăuţi (dt. Radautz) nördlich von Suceava nahe der Grenze zur Ukraine. Herr Eduard Mohr, einer der letzten aus einer einstmals großen deutschen Bevölkerungsgruppe, führte uns engagiert und kenntnisreich durch seine Stadt.
Der letzte Tag in der Bukowina, Dienstag, ließ uns wieder zu normalen Touristen werden. Die berühmten, zum Weltkulturerbe zählenden Moldauklöster standen auf dem Programm. Der Bus brachte uns tief in die bewaldeten, mittelgebirgsartigen Ostkarpaten bis zu den drei Klöstern Voroneţ, Moldoviţa und Suceviţa. Mit ihren charakteristischen weit ausladenden Holzdächern und ihrer kunstvollen Außenbemalung sind sie weltweit einzigartig und waren auch bei dem nachmittags einsetzenden Regen einen Besuch wert. Zwischendrin staunten wir im Eiermuseum von Vama nicht schlecht über die schier unbegrenzten Möglichkeiten, ein schlichtes Ei zu bemalen.
Mittwoch ging die eindrucksvolle Reise zu Ende. Busfahrer Alexander brachte uns zum Flughafen in Iaşi, einer post-sozialistischen Industriestadt par excellence mit ausgedienten Stuttgarter Straßenbahnen, und von dort zurück über Wien nach Stuttgart.
Unsere Reisegruppe war von der aufwändigen Vorarbeit, insbesondere von der Mobilisierung so vieler kompetenter Gesprächspartner vor Ort in Moldawien und der Bukowina beeindruckt. Viele verabschiedeten sich mit „Auf ein nächstes Mal!“

Martin vom Ende
Martin-Gerbert-Gymnasium, Horb


Lehrerstudienfahrt nach Südböhmen und Südmähren
vom 26. Mai bis 2. Juni 2015

22 Lehrerinnen und Lehrer aus weiterführenden baden-württembergischen Schulen führte die regelmäßig in den Pfingstferien stattfindende Studienfahrt dieses Jahr nach Südböhmen und Südmähren. Ausgehend von drei Hauptstationen Pilsen/Plzeň, Brünn/Brno und Budweis/České Budějovice wurden jeweils Erkundungen in das Umland unternommen.

  • Pilsen - Sprachanimation

  • Pilsen - Stadtführung

  • Iglau - Katakomben

  • Brünn

  • Olmütz

  • Olmütz

  • Macocha-Schlucht

  • Trebitsch

  • Wittingau

  • Krumau

  • Krummau - Floßfahrt


Den Auftakt machte die diesjährige Kulturhauptstadt Europas Pilsen/Plzeň. Nach einer Einführung in das tschechische Schulsystem beim Koordinierungszentrum für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch Tandem und einem Einblick in dessen Tätigkeitsfelder, stand eine Sprachanimation auf dem Programm: In den Räumlichkeiten eines deutsch-tschechischen Kindergartens lernten die Lehrerinnen und Lehrer spielerisch tschechische Wörter und Redewendungen, die sie anschließend bei einer interaktiven Stadtführung festigen konnten. In Kleingruppen wurden dann Pilsener Sehenswürdigkeiten wie die Loos-Interieure, die Synagoge oder das Marionettenmuseum besucht, bevor im deutsch-tschechischen Begegnungszentrum der über 90-jährige deutschstämmige Anton Hofmann ausführlich aus seinem Leben erzählte.
Weiter ging die Reise über die Böhmisch-Mährische Höhe nach Brünn/Brno. Bei einem Zwischenstopp in Iglau/Jihlava stellte Frau Dr. Alena Jakubíčková in einem interessanten Vortrag den Komponisten Gustav-Mahler vor, der längere Zeit in Iglau/Jihlava lebte. Außerdem führte sie die Gruppe durch eine ihm gewidmete Ausstellung sowie die Katakomben der Stadt.
In Brünn/Brno referierte die Ethnologin Dr. Jana Noskova zu ihrer Forschungsarbeit über die Brünner Deutschen im 20. Jahrhundert und fand sogar unter den Mitreisenden weitere mögliche Interviewpartner.
Für die Lehrerinnen und Lehrer besonders bereichernd waren der Besuch des deutschen Gymnasiums und die Möglichkeit, in Kleingruppen bei zwei unterschiedlichen Unterrichtseinheiten hospitieren zu können. Nach einer Stadtführung, die auf dem Spielberg/Špilberk, einer auf einer Anhöhe liegenden Festung endete, nutzte ein Teil der Gruppe die Gelegenheit, im Roma-Museum mehr über die Geschichte und das Leben dieser Minderheit zu erfahren.
Bei einem Ausflug in die Universitätsstadt Olmütz/Olomouc beeindruckte die größte freistehende Barockskulptur Mitteleuropas, um die herum der Wochenmarkt mit vielen Leckereien lockte. Weiter ging die Fahrt dann in den Mährischen Karst/ Moravský kras. Dort unternahm die Reisegruppe auf dem unterirdischen Fluss der Punkva-Tropfsteinhöhle eine Schiff¬fahrt und konnte so zumindest für eine gewisse Zeit dem starken Regen entgehen.
Wieder in Richtung Westen auf dem Weg zur dritten und letzten Station der Studienfahrt, Budweis/České Budějovice, wurde Halt in Trebitsch/Třebíč und in Wittingau/Třeboň gemacht. Das jüdische Viertel in Trebitsch/ Třebíč gilt als das am besten erhaltene und größte Europas und gehört zusammen mit der romanischen St.-Prokop-Basilika zum UNESCO-Weltkulturerbe. In Wittingau/Třeboň, das von zahleichen Fischteichen, Sümpfen, Mooren und einer hügeligen Landschaft umgeben ist, hatten die Mitreisenden Zeit, das malerische Städtchen auf eigene Faust zu erkunden. Die Kurstadt ist das Zentrum der böhmischen Karpfenzucht und außerdem Standort des Renaissanceschlosses der Fürsten Schwarzenberg.
Am Abend stattete ein Deutschlehrer im Auslandsschuldienst den baden-württembergischen Kolleginnen und Kollegen einen Besuch ab, erzählte von seinen Erfahrungen im tschechischen Berufsalltag und beantwortete die Fragen der interessierten Teilnehmer.
Am letzten Tag ging es nach Böhmisch Krumau/Český Krumlov, dem „Venedig an der Moldau“ und der Wirkungsstätte des Malers Egon Schiele. Das gesamte historische Stadtzentrum gehört zum Weltkulturerbe und wurde sowohl zu Fuß als auch auf dem Floß erkundet.
Zum Abschluss der Reise durfte eine Besichtigung der Brauerei in Budweis/České Budějovice natürlich nicht fehlen, bevor es dann über den Böhmischen und Bayerischen Wald wieder zurück nach Stuttgart ging.

***

Mein Reiselexikon nach Südböhmen und Südmähren von Martin Jösel, badischer Reiseteilnehmer

A wie ahoj
B wie Budweiser Biergenuss
C wie Chinesenchaos beim Frühstücksbuffet
D wie drogensüchtige Doggen auf der Autobahn
E wie ereignisreiche Erkundungen in Tschechien
F wie frauenbetörende Flößer auf der Moldau

Nein, so einfach abc-mäßig schreibt man keine anständigen Reise-Impressionen. Vielleicht besser so: F wie Fluchtkoffer.
Da steht er in meinem Zimmer zwischen den alten Folianten und meinem Flügel: diese Holzkiste, 50 mal 50 mal 90 Zentimeter, zwei rostige Tragegriffe, die Aufschrift verblasst: Richard Beck, Vrbno, Würbenthal 226. Heimat meiner Großeltern, meiner Mutter, die so oft von diesem Haus erzählt, das heute noch – fast unverändert – steht und bewohnt wird, im Sudetenland, das die Familie verlassen musste.
Nicht Flucht, sondern Vertreibung, wie meine Mutter noch heute betont.
Ohne Verbitterung, aber mit klarer Stimme.

*

Unsere Studienreise nach Südböhmen und Südmähren: sorgfältig, abwechslungs- und kenntnisreich vorbereitet und durchgeführt von Dr. Diane Dingeldein, schwäbisch-charmant chauffiert von Michael Albert. Diese unvergessliche Reise war für viele von uns nicht nur die Begegnung mit der eigenen Biographie, unseren eigenen Lebensspuren und -wurzeln; sie war zugleich die Begegnung mit einem kleinen Zipfel Mitteleuropas, der uns mit seiner Landschaft, seinen Städten und Schluchten, aber vor allem mit seinen Menschen freundlich empfing:

Sie alle vermittelten uns  i h r e  Arbeits- oder Wohnstätten und ließen uns an ihrem  h e u t e  gelebten Leben in Tschechien teilhaben: an ihrer Biographie, ihrer Geschichte, irgendwo zwischen altem Habsburg-Reich, Kriegen, Kommunismus, einer Prise Katholizismus und Kapitalismus. Immer noch – so schien es mir – sind viele Tschechen auf der Suche nach  i h r e r  Identität im 21. Jahrhundert.
Und fast hätte der tschechische Präsident, der sich offensichtlich ebenfalls auf Studienfahrt befand, uns noch höchstpersönlich ein Gespräch gegönnt!
Nun mache ich mich an die Restauration der herrlich kaputten Antiquariatsfunde - und meiner betrübten Seele nach der Niederlage des Karlsruher Sportclubs gegen Hamburg.

*

S wie Smetana (tsch. die Sahne)
T wie traumhafte Tropfsteinhöhlen
U wie ungewöhnlicher Unterricht
V wie vegetarische Vollkost
W wie Weiterfahrt nach Wittingau
X und Y wie x-mal angetippt: youtube vytopna brno
Z wie Zimmerbezug und zungenbrechertschechische Zischlaute


Lehrerstudienfahrt in die Baltischen Länder 2014

Wie in jedem Jahr organisierte das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg in den Pfingstferien eine Lehrerstudienfahrt ins östliche Europa. Das Angebot, Land und Leute über die Touristenpfade hinaus besser kennenzulernen, richtet sich an Lehrerinnen und Lehrer weiterführender Schulen in Baden-Württemberg, die die Fächer Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Gemeinschaftskunde, Kunst, Religionslehre oder Ethik unterrichten.

25 Personen nahmen vom 10. bis 17. Juni 2014 an der Reise in die baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland teil. Sie startete in der südlichsten Hauptstadt, in Vilnius/Wilna. Hier konnten die Mitreisenden zwischen drei verschiedenen Stadtführungen wählen, die entweder den Schwerpunkt auf das russische, das deutsche oder das jüdische Erbe in der Stadt setzten. Bei der Weiterfahrt nach Trakai mit der Inselburg, deren Besichtigung und den anschließenden Spaziergängen entlang der Seen tauschte die Gruppen untereinander den neu erworbenen Wissensstand rund um Vilnius/Wilna und deren multikulturelle Bevölkerung einst und heute aus.


Der folgende Tag startete mit einer Führung durch Klaipeda/Memel, vorbei an zahlreichen Statuen, die nach dem dortigen Volksglauben bei Berührung Wünsche erfüllen und Glück in allen Bereichen des Lebens versprechen. Auf dem Platz vor dem Theater gab eine Gruppe Musiker das bekannte Lied des in Memel geborenen niederdeutschen Dichters Simon Dach „Ännchen von Tharau“ zum Besten. Die Figur des „Ännchens“ ist dort auf dem Simon-Dach-Brunnen zu sehen. Nach einem Besuch im Bernsteinmuseum, der bei einer Reise in die baltischen Länder nicht fehlen darf, ging es mit der Fähre auf die Kurische Nehrung.    

Die hier in den typischen Farben eisenrot, kobaltblau und titanweiß gestrichenen Holzhäuser zwischen Pinienwäldern und Dünen machen diesen Landstrich zu einem beliebten Erholungsziel. Dies wusste schon der Schriftsteller Thomas Mann, dessen zu einem Museum umgebautes Sommerhaus der Gruppe Einblicke in sein Leben und Wirken gab. Nach einer Bootsfahrt entlang des Haffs und der Besteigung der Großen Düne mit einer grandiosen Aussicht endete der Abend im Simon-Dach-Haus in Klaipeda/Memel. Bei Bratwurst, Reis, Gemüse und Bier stellten Memeldeutsche die Entstehung und Tätigkeiten ihres Vereins vor und beantworteten die Fragen der interessierten Lehrerinnen und Lehrer.

Die letzte Station in Litauen war der Berg der Kreuze bei Šiauliai/Schaulen. An diesem Berg, der für Süddeutsche eher ein Hügel ist, wirkte die besondere Atmosphäre dieser Gedenkstätte des litauischen Selbstbewusstseins auf die Gruppe.
Auch das darauf besuchte lettische Schloss Rundāle/Ruhenthal ist eine Attraktion. Sie gab Aufschluss über den Lebensstil des Adels, der über Jahrhunderte die Landschaft mit prägte. Leider blieb im Anschluss an die informative Führung durch die Räumlichkeiten im Inneren aufgrund einsetzenden Regens nur wenig Zeit, die weitläufig angelegte Parkanlage kennenzulernen.

Gleich zwei Tage sollten dem Aufenthalt in der größten Stadt der baltischen Länder und der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas Rīga/Riga gewidmet werden. Am Abend berichtete ein deutscher Lehrer im Auslandsschuldienst über seine Erfahrungen in Lettland, was zu interessanten Diskussionen anregte.   

Am nächsten Tag stand die Erkundung der Innenstadt auf dem Programm: zunächst mit einer Kanalfahrt auf der Daugava/Düna und dann zu Fuß. Zur Mittagszeit erwartete die Reisegruppe ein stimmungsvolles Orgelkonzert in der Domkirche, bei dem man den Trubel draußen vergessen konnte. Bis zur Abfahrt nach Jūrmala/Rigastrand am Nachmittag blieb dann nach genügend Zeit, um das berühmte Jugendstilviertel, die Markthallen oder das lettische Okkupationsmuseum auf eigene Faust zu erkunden.
Nur wenige Kilometer außerhalb Rigas bot sich danach die Gelegenheit, am Strand spazieren zu gehen, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und mit den Füßen in der Ostsee zu baden – all das eine willkommene Abwechslung nach dem kulturbezogenen Programm.

Als informativ und zugleich erholsam zeigte sich eine kleine Wanderung durch den Gauja-Nationalpark, die mit einer Seilbahnfahrt ab Krimulda über die Gauja/Liviländische Aa startete und mit der Besichtigung von Sigulda/Segewold und dem Freilichtmuseum Turaida/Treyden endete. Damit endete auch der Aufenthalt in Lettland und die Reise ging weiter in das dritte und letzte zu besuchende baltische Land: Estland. In der Universitätsstadt Tartu/Dorpat endeckten die Lehrerinnen und Lehrer mit Stadtplänen ausgestattet die Sehenswürdigkeiten vor Ort. Am Abend erwartete sie dann ein typisch estnisches Abendessen mit Pilzsuppe, Fleisch, Kartoffelbrei und einem Apfelkuchen mit gedörrten Äpfeln und Schlagsahne.

Für den nächsten Morgen hatten Schülerinnen und Schüler der Abteilung Tourismus des Berufsschulzentrums in Tartu/Dorpat, der größten berufsbildenden Schule Estlands, Beiträge zur estnischen Kulturgeschichte vorbereitet, die sie auf Englisch vortrugen. Daran anschließend stellte die Reisegruppe Fragen zur deren zukünftiger Arbeitssituation in Estland und ließ sich die Einrichtung des Zentrums zeigen.
Gegen Mittag erreichte der Bus dann den Peipussee, dessen Mitte die Grenze zu Russland bildet. In dieser Region sind die russischsprachigen Altgläubigen zu Hause. Sie leben sehr zurückgezogen und dulden keinen Tourismus in ihrer Region. Im einzigen Restaurant im größten Ort Mustvee/Tschorna gab es für alle eine russische Soljanka.   
Im Nationalpark Lahemaa stattete die Gruppe einem der ersten restaurierten Gutshöfe, Palmse, einen Besuch ab, und genoss dann den rauen Wind und die klare Luft in dem verschlafenen Fischerdorf Altja.  

Den Abschluss der Fahrt bildete die mittelalterliche und zugleich sehr moderne estnische Hauptstadt Tallinn/Reval. Am frühen Morgen noch ruhig und beschaulich, füllte sich die Stadt im Laufe des Vormittags – ähnlich wie in Rīga /Riga – mit Reisegruppen, die zusammen mit mittelalterlich kostümierten Personen auf der Straße, die in Restaurants oder zu Veranstaltungen einladen.    

Trotzdem dürfen die großen Städte bei einer Reise in die baltischen Länder nicht fehlen. Gerade die Mischung aus quirliger Großstadt und unberührter Natur macht den Reiz der drei Länder aus.  
Für viele Lehrer stand am Ende fest: Eine auf der Landkarte bis dato unbekannte weiße Fläche konnte mit Inhalten aus eigener Anschauung gefüllt werden. Die sehr komplexe Geschichte der baltischen Länder bot Anregungen für den Unterricht, und wer weiß, vielleicht regte diese Fahrt zu Klassenfahrten in den Nordosten Europas an – am besten immer mit Sonnenbrille und Regenschirm im Gepäck.